Die Dankbarkeit und Freude über unseren Besuch und unsere Hilfe in Belarus war wiederum überwältigend. Wir sollen alle Spenderinnen und Spender welche unsere Reise ermöglichten aufs allerherzlichste grüßen!

Begonnen haben wir unsere Reise am 15. August mit einer Fahrt zum Narotsch-See in der Nähe der litauischen Grenze, wo wir in einer Feriensiedlung, welche noch den Charme vergangener sowjetischer Zeiten ausströmt, wohnten.


Die Speisehalle im Ferienzentrum am Narotschsee

Der herrliche See lud natürlich zum baden ein, konnte uns aber nicht davon abhalten unser Ziel, das westfälische Projekt „Heimstatt-Tschernobyl“ zu besuchen. Die Leiterin, Frau von Bodelschwingh, erläuterte uns diese Einrichtung. Sie bauen dort ökologische Häuser für Familien aus den verstrahlten Gebieten, stellen Schilfplatten her und betreiben eine Schreinerei und Flaschnerei. Zwei Windräder (die einzigen in Belarus) liefern Strom, der verkauft werden kann. Auf diese Weise und mit Spenden aus Deutschland finanziert sich diese Einrichtung.

Unsere geplante Rundfahrt am nächsten Tag um den See fiel aus da unser Fahrer dringend einen anderen Auftrag erledigen musste. Aber seine Datscha besuchten wir noch am Abend. Ob der Datscha-Besuch schuld war? Am nächsten Morgen saßen wir auf gepackten Koffern und warteten und warteten, doch unser Fahrer kam nicht, bis wir erfuhren, dass sein Auto kaputt sei. Glücklicherweise fuhr dann noch ein Betriebsbus nach Minsk, welcher „Betriebsurlauber“ abholte und uns mitnahm. Auf halber Strecke ging dann der Sprit aus, was zu einem netten Picknick ausartete. Jeder hatte noch etwas anzubieten, so dass es beinahe schade war, als es nach ca. einer Stunde weiterging. Unterwegs wurden wir dann von zwei Fahrern aufgesammelt, da wir einen Termin im Gorki Theater hatten und Direktor Lutsenko in Eile war, da er mit seinem Ensemble zu einer Tournee nach Moskau aufbrechen musste.

Noch am selben Tag ging es weiter nach Gischenka, wo wir von den Lehrern und Lehrerinnen schon sehnlichst erwartet wurde. Nach einer Besichtigung der Schule, bei welcher uns voller Stolz und Freude die Spenden aus dem vergangenen Jahr gezeigt wurden, ging’s zu einem gemütlichen und reichhaltigen Essen. Obwohl wir uns nur über eine Dolmetscherin verständigen konnten war die Unterhaltung ausgezeichnet, nicht zuletzt dank 18 „Trinksprüchen“. So konnte uns auch die Unterbringung im „Hotel Olga und Valentin“ nichts anhaben. Viel frische Luft beim Gang über den Hof zum „Wellness-Bereich“ (WC, Dusche, Sauna) war gewährleistet.


"Wellnesbereich" unserer Gastgeber in Slawgorod

Der nächste Tag war dann ein Wettlauf gegen die Uhr. Einkaufen, Rechnungen bezahlen und ein Konzert der Schülerinnen und Schüler besuchen die trotz der Ferien mit Eifer und Freude bei der Sache waren. Ein Konzert nur für uns vier Schwarzwälder!   Der Abend klang dann mit einem Schaschlik und vielen „Trinksprüchen“ aus, dachten wir, denn als wir in unser „Hotel“ kamen war auch dort der Tisch reichlich gedeckt.

Von Gischenka ging’s dann weiter nach Minsk. Die Hitze war nahezu unerträglich (35°), aber wir hielten tapfer durch. Dort besuchten wir die Tagesstätte „Offene Tür“ und fuhren auch ins Sonderschul-Internat in Rudensk. Stadtbesichtigung, Museumsbesuche und vieles mehr rundeten unser diesjähriges Besuchsprogramm ab.

Ein Erlebnis der besonderen Art war die Fahrt ins Freilichtmuseum Dudutki mit Linienbussen (2 x Umsteigen mit Zwischenspurt im 100 m Tempo).


"Kaufhaus" im Freiland-Museum Dudutki

Interessant war auch die Rückfahrt in brütender Hitze im total überfüllten Bus, der auch noch ca. 10 Zentner Zwiebel und Kartoffeln mitführte. Ein herrliches Gemisch aus Schweiß- Zwiebel- und anderen Dürften.

Zufrieden, müde und erschöpft kehrten war dann am 25. August gerne wieder nach Pfalzgrafenweiler zurück.

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Ankunft am Flughafen Minsk

Wir fuhren mit „unserem Kleinbus“ direkt nach Rudensk und besichtigten das Heim.

Gestärkt durch einen kleinen Imbiss ging’s von dort zum Hotel in Minsk.                      
Am nächsten Tag teilte sich die Gruppe. Während ich mit den Direktoren aus Rudensk zum Einkaufen ging, waren die anderen Reiseteilnehmer eingeladen an der Akademie der Wissenschaften den Deutschunterricht zu besuchen und dabei aktiv mitzuwirken. Ein Heidenspaß für alle Beteiligten!

Nach einer gemeinsamen Stadtbesichtigung besuchten wir am Abend das Training des Profiboxclubs Belarus. Dort trainieren rund 1400 Kinder und Jugendliche. Eine imposante Schau, welche der ehemalige Vize-Weltmeister Eduard Dubowski für uns darbot. Beeindruckt waren am nächsten Tag alle von der Gedenkstätte Chatyn, die wir nach Zwischenstopps beim Trainingszentrum der Biathleten und Kombinierten der Republik Belarus beim neuen Alpin-Skigelände, erreichten. In Chatyn  wurden, wie in 268 anderen Orten der Sowjetunion, die Einwohner als Strafe für einen Partisanenangriff auf deutsche Soldaten in eine Scheune getrieben und bei lebendigem Leibe verbrannt. Nur zwei Einwohner konnten sich retten.

Nachmittags besuchten wir die private Kindertagesstätte „Offene Tür“ in Minsk und erfuhren dort was bisher mit unseren Spendengeldern gemacht wurde und wie eine neue Spende verwendet werden soll. Die Kinder basteln dort herrliche Dinge, doch leider sind diese auf Grund der Steuergesetze unverkäuflich, da sonst der gesamte Betrieb steuerpflichtig würde. So muss alles aus Spenden- und Eigenmitteln finanziert werden. Schade, denn so kann keine Eigenfinanzierung erfolgen, auch nicht in bescheidenem Rahmen.

Besuch in der Tagesstätte für behindert Kinder "Offene Tür"

Der Abend klang in einem Künstlerlokal mit der Gesangsgruppe „Kressiwa“ aus.

Der nächste Tag begann mit einer Fahrt nach Rakow. Ein kleiner Ort westlich von Minsk welcher früher zu Polen gehörte und eine sehr wechselvolle Geschichte hat. Noch heute suchen die Einwohner und der KGB nach vergrabenen Schätzen der früheren überwiegend jüdischen Bevölkerung. Felix Januschkewitsch, Künstler und Leiter eines Ethno-Museums erklärte uns in einem unvorstellbaren Tempo und mit Begeisterung die Geschichte der Gegend. Leider konnte unsere hervorragende Dolmetscherin dem Redefluss nicht folgen, so dass wir höchstens ein Viertel des Gesprochenen übermittelt bekamen und am Schluss erst nichts wussten. Ein rustikales Vesper, verbunden mit 80 %igem Wodka machten eine Ruhepause im Hotel in Minsk dringend erforderlich, ehe es dann zum Zirkus ging, wo wir auf Einladung der Direktorin in der Präsidentenloge das Geschehen verfolgen durften.

Den für den nächsten Tag vorgesehenen Besuch im Kriegsmuseum ließen wir ausfallen und schlenderten dafür über den Künstlermarkt und unternahmen einen ausführlichen Sparziergang welcher auch einen Besuch beim Direktor des Gorkitheaters einschloss. Dieser unterstützt Straßen- und Waisenkinder in Minsk,. woran wir uns wie in den Vorjahren beteiligten. Unsere Spende an seinem Geburtstag war für ihn eine besondere Freude. Der. Abend schloss mit einem Besuch des Balletts „Schwanensee“ im Palast der Republik ab.

Am nächsten Tag hieß es für meine Begleiter Abschied zu nehmen von Belarus. Ich selbst gönnte mir eine Verschnaufpause, denn die nächsten Tage sollten noch anstrengender werden. Das begann am nächsten Vormittag mit allerlei Einkäufen für die Schule in Gischenka, was den ganzen Tag in Anspruch nahm.  Am nächsten Tag mussten wir dann nur noch die Dinge abholen und ab ging die Fahrt nach Mogeliv wo wir von den Direktoren der Schule schon erwartet wurden. Auch hier galt es die bestellten Waren abzuholen bzw. zu bezahlen. Ein Bummel mit ca. 12.000,00 EURO in der Tasche über den belebten Basar zu den einzelnen Geschäften ließ mich dann doch etwas nervös werden. Aber es ging alles gut.

In der Schule wurden wir anschließend herzlich empfangen. Die Lehrer und Lehrerinnen hatten ein wahres Festmahl bereitet und so klang der Tag in angenehmer Atmosphäre aus.

Eine Besichtigung der Schule am nächsten Tag zeigte, dass die im Vorjahr gekauften Dinge vorhanden waren und auch die jetzt angeschafften von der Lieferfirma angeliefert wurden.

Auch der nächste Tag war mit Einkäufen und dem Verteilen der Hilfsgüter an verschiedene Organisationen, insbesondere an ein Sozialwaisenhaus ausgefüllt. Die Schüler und Schülerinnen in Gischenka ließen es sich nicht nehmen, trotz vorgeschriebenem Einsatz bei der Ernte von roten Rüben (Kampf an der Erntefront) mir ein kulturelles Unterhaltungsprogramm zu bieten.

Zusammen mit einigen Mitarbeitern der Schule und Bürgern aus Slawgorod feierten wir dann Abschied bei meinen Gastgebern bis in die Nacht hinein. Voll berechtigtem Stolz führten diese mir dabei ihren Wasseranschluß vor, den sie seit dem vergangenen Jahr selbst gegraben und verlegt hatten.

Unser "Hotel" in der Kreisstadt Slawgorod.

Nach einem Tag der Erholung in Minsk trat auch ich die Heimreise an.

Allen Spenderinnen und Spendern soll ich herzliche Grüße aus Belarus ausrichten und die große Dankbarkeit übermitteln, welche diese Menschen gegenüber ihnen völlig Unbekannten empfinden.

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Hektische Tage in Belarus(Weißrussland) sind zu Ende. Die diesjährige Hilfsfahrt war u.a. dank zweierGroßspenden aus Freudenstadt ein voller Erfolg.Vom 2. bis 11. Juni war ichalleine in Belarus, da der vorgesehene Mitfahrer Siegfried Smago wegen desTodes seiner Schwiegermutter kurzfristig absagen musste. Die Beschaffung einesVisums für eine andere Person war in der Kürze der Zeit unmöglich.Da der Aufenthalt dieses Jahrzwei Tage kürzer war als in früheren Jahren war Hektik angesagt, zumal einzusätzliches neues Ziel an der russischen Grenze angefahren wurde, was alleineschon zwei halbe Tage Fahrtzeit beanspruchte. Trotzdem, alles wurde wie vorgesehen erledigt.Im Waisenhaus bzw. Sonderschulinternat Rudensk, welches wirschon seit 1994 unterstützen, konnte ich feststellen, dass die im Vorjahrgekauften Betten, Läufer, Zimmertüren u. dgl. vorhanden bzw. eingebaut sind.

Neue Betten aus unseren Spenden. Jetzt hat jedes Kind ein eigenes Bett!

Unter dieser Voraussetzung kaufte ich und die beiden Schuldirektoren Stühle und Tische für den Speisesaal ein, da die alten, auch nach weißrussischen Maßstäben, unzumutbar waren. Auch Waisen und Behinderte brauchen zu ihrer Entwicklung ein Wohlfühlgefühl!

Einkaufen in Minsk ist nach wie vor ein einmaliges Erlebnis, denn die Bürokratie treibt unvorstellbare Blüten. Es genügt nicht eine Rechnung oder Quittung zu bekommen. Nein, man braucht z.B. auch noch eine Transporterlaubnis. Also, in vielstündigen Aktionen kauften wir dann Computer, Farben und Lacke, Musikinstrumente, Sportartikel und sonstige Kleinigkeiten ein. Obwohl wir schon morgens um 7.30 Uhr begannen kamen wir eine Stunde zu spät in Mogilev an um die bestellten Schulmöbel zu bezahlen. Die (staatlichen) Verkäuferinnen warteten aber geduldig auf uns. Vermutlich wollten sie den „Exoten“ aus Deutschland sehen, welcher da zum Einkaufen kommt! Denn einheimische Sponsoren gibt es leider nicht.

Spät am Abend erreichten wir dann auf Schotterstraßen, die vom Frühjahreshochwasser teilweise weggespült waren unser Ziel: Gischenka bei Slawgorod.

Ein Abendessen in einem typischen russischen Haus, ohne fließend Wasser und Plumpsklo über den Hof ließ den Tag in sehr freundlicher Atmosphäre ausklingen..

Am nächsten Morgen war dann „großer Bahnhof“ in der Schule für den Deutschen, dem ersten seit Kriegsende in diesem Dorf.

Fast alle Eltern kamen (nahezu alle sind beschäftigungslos)  und die SchülerInnen tanzten und spielten. Fantastisch!

Zuvor hatten die LehrerInnen auf eigene Kosten die Schule gestrichen und tapeziert. Daher durften die Kinder auch nicht mit Schuhen auf die Bühne.


Die Schule wurde für rund 300 Kinder gebaut und führt von der Grundschule bis hin zum Abitur. Auf Grund der Verstrahlung des Gebiets durch Tschernobyl und inzwischen fehlender Arbeitsplätze sind viele Familien abgewandert oder wollen keine Kinder. Deshalb besuchen heute nur noch 90 Kinder die Schule. Man stelle sich das in Deutschland vor: ein Lehrer, auch die Fachlehrer unterrichten im Gymnasium gleichzeitig zwei Klassen und das mit nichts. Sport: 1 Sprossenwand, 1 Schwebebalken und ein Fußball! Biologie, Physik und Chemie: 1 Vorbereitungstisch mit abgebautem Wasseranschluss, ansonsten ein leerer Raum! Trotzdem wurden in diesem Jahr 3 Schüler zum Studium zugelassen! Eine erstaunliche Leistung für Schüler und Lehrer.

Wenn nicht hier, wo ist dann Hilfe angebracht?

Ein Spaziergang durch die Kreisstadt schloss sich an, vorbei am Denkmal für die wegen der Verstrahlung abgerissenen Dörfer

Denkmal für die abgerissenen Dörfer im Kreis Slawgorod. Diese Dörfer waren zu stark radioaktiv verstrahlt.

bis zum Fluss und weiter zum Denkmal für den Sieg Peter I über die Schweden vor knapp 300 Jahren.

Zurück in Minsk gab es Besuche und Hilfe für MS-Kranke, die Behinderten-Tagesstätte „Offene Tür“ und dem Lionsclub „Rodnik“.
Ein Abend war frei für einen Theaterbesuch. Ansonsten war das Arbeitsprogramm 12 Stunden täglich.

Fazit: Alles in allem eine gelungene und erfolgreiche Fahrt.


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Auszug aus dem Jahresbericht bzw. Bericht über die Mitgliederversammlung

Stefan Gall begrüßt in der Mitgliederversammlung alle Anwesenden aufs Herzlichste und bittet den Kassier den Bericht über das Jahr 2003 vorzutragen.

Dieser berichtet, dass im Dezember 02/Januar 03 der Vorsitzende zusammen mit Ehefrau Swetlana in Minsk war und bei einem Besuch im Waisenhaus Rudensk den Kindern in einer kleinen Feierstunde Weihnachtsgeschenke überreichte. Ferner nahm er an einer Weihnachtsfeier für Kinderinvaliden (behinderte arbeitsunfähige Kinder) teil und überreichte auch dort entsprechende Geschenke. Insgesamt konnten rund 2260,00 Euro für diese Veranstaltungen ausgegeben werden.

Im Mai besuchten der Kassier und die Eheleute Ferch wiederum Weißrussland. Allein zwei Tage lang waren wir zusammen mit den beiden Direktoren des Waisenhauses unterwegs um einzukaufen.

Weiterhin besuchten wir eine Elterninitiative welche eine Tagesstätte für behinderte Kinder eingerichtet hat. Diese Tagesstätte kann nur dann existieren, wenn Spenden in größerem Umfang zur Verfügung gestellt werden, da die meisten Eltern nahezu mittellos sind. Z.B. wird die Miete von einer Kirche in Schweden finanziert. Auch wir haben uns mit einer Spende beteiligt.


Auch haben wir erstmals mit der MS-Assoziation zusammengearbeitet und die Lebensbedingung MS-Kranker in Belarus kennen gelernt. Einen 35jährigen Professor, der von einer monatlichen Rente von 25,00 Euro, zusammen mit seiner arbeitslosen Mutter, die wegen der Betreuung rund um die Uhr nicht arbeiten kann, unterstützten wir ebenfalls und möchten dies gerne auch zukünftig tun.

Insgesamt konnten wir Hilfe in Höhe von rund 6.500,00 Euro leisten.

Der Monat Juli stand für den Verein ganz im Zeichen des Flammkuchens. So waren wir beim Stadtfest in Freudenstadt für den Lionsclub, welcher uns bisher mit rund 15.000,00 Euro unterstützte und beim Weiler-Wasser-Rutsche-Fest tätig.

Im Oktober flogen der Kassier und drei Freunde vom Lionsclub Freudenstadt, welche die Kosten selbst übernahmen, nach Minsk zur Charterfeier des neuen Lionsclubs Rodnik-Minsk. Gemeinsam besuchten wir das Waisenhaus in Rudensk und gingen mit dem stv. Direktor einen Tag zum Einkaufen. 4.600,00 Euro standen uns für diesen Zweck noch zur Verfügung. Die Freunde vom Lionsclub Freudenstadt waren tief beeindruckt, wie viel Hilfe aus Pfalzgrafenweiler dort schon investiert wurde und vor allem, wie sich die Lebensbedingungen im Waisenhaus durch diese Hilfe verändert haben.

Charterfeier des Lions Clubs Rodnik in Minsk.

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Aus Schwarzwälder Bote Freudenstadt                                                                       Von Hannes Kuhnert.

Pfalzgrafenweiler. Glücklich zurückgekehrt sind Manfred und Swetlana Ferch sowie Dietrich und Ursula Galsterer vom Verein "Kinder in Tschernobyl" von ihrer Fahrt nach Weißrussland. Zehn Tage waren sie in ihrer Mission unterwegs, um Waisenkindern in Rudensk zu helfen.

.Der Verein, dessen Vorsitzender Manfred Ferch und dessen Kassier Dietrich Galsterer ist, unterstützt seit vielen Jahren ganz unkonventionell Waisenkinder in der vom Reaktorunglück betroffenen Region, etwa 80 Kilometer südlich von Minsk gelegen.

Allein drei Tage ihres zehntägigen Aufenthaltes gingen für die An- und für die Heimfahrt drauf, dabei gab es erneut Schwierigkeiten und stundenlange Wartezeiten sowohl an der Grenze von Deutschland zu Polen als auch an der Grenze von Polen nach Weißrussland.

Stundenlang warteten wir im Zollhof der Republik Belarus obwohl nur zwei Transporte abzufertigen waren!

In Minsk wurden für etwa 3000 Euro aus den eingegangenen Spendengeldern Kleider und Schuhe für die Kinder im Waisenhaus Rudensk gekauft. "Und", so berichtet Dietrich Galsterer, "Geschirr, damit wenigstens jedes Kind einen eigenen Teller hat".

Vor allem jedoch brachten die Besucher aus dem Westen für das Waisenhaus den Kleintransporter mit, der ebenfalls von Spendengeldern noch in Deutschland gekauft worden war. Bei ihrem fünftätigen Besuch in Pfalzgrafenweiler war der Kleinbus an Waisenhausdirektor Gilewski und dessen Stellvertreter übergeben worden.Beide chauffierten den Bus nun "im Konvoi" mit Ferch und Galsterer nach Hause.

Für Manfred Ferch war es der etwa 40. Besuch in Weißrussland, Dietrich Galsterer war schon fast ein Dutzend mal mit dabei. Der Verein "Kinder in Tschernobyl" ist inzwischen davon abgekommen, Sachspenden zu sammeln und zu übergeben. Der Verein bittet hier um Barspenden und kauft dann in Weißrussland für die Waisenkinder die Dinge, die diese am nötigsten brauchen.

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Auszug aus dem Jahresbericht

Auch das Jahr 2000 war wieder von verschiedenen Aktivitäten des Vereins geprägt.

...So war der Vorsitzende zur Jahreswende im Waisenhaus Rudensk und spielte dort den „Weihnachtsmann“ und hat in Minsk die bestehenden Kontakte zu unseren Gewährsleuten gepflegt und vertieft.

...Ende Mai fuhr er (der Vorsitzende) dann wieder zu einer Hilfsaktion nach Belarus.

...Die „große Hilfsfahrt“ erfolgte vom 1. bis 14. September bei schon eisigen Temperaturen auf welche wir nicht eingestellt waren. Selten haben wir so gefroren. Insbesondere das Waisenhaus in Rudensk wurde von uns wieder großzügig unterstützt (Waren im Wert von ca. 4500,00 US-Dollar, aber auch der Verein für Kinderinvaliden mit einer Barspende in Höhe von 500,00 US-Dollar für eine Weihnachtsfeier der Kinder im Staatstheater in Minsk).

So verdienen sich die Landbewohner einen Nebenberdienst: Pilze sammeln und am Straßenrand verkaufen.

Zu Weihnachten brach Manfred Ferch dann zu einer weiteren Hilfsfahrt nach Minsk auf. Diesmal wurden überwiegend Medikamente benötigt. Auch der inzwischen betagte VW-Bus (Spende der EVS Bad Teilach) des Waisenhauses bedurfte einer größere Reparatur, welche wir finanzierten.

Von vielen Vereinen, Organisationen und Bürgern in Pfalzgrafenweiler und Umgebung wurden wir 2000 wiederum großzügig unterstützt. Herzlichen Dank.

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Jahresbericht (Auszug)

Auch das Jahr 1999 war von verschiedenen Aktivitäten des Vereins geprägt.

Im Mai war der Vorsitzende zu Besuch in Minsk und Mogilev und hat von dort aus einen Kindertransport nach Melsbach bei  Koblenz gefahren. So konnte die Gruppe Melsbach die Kosten des Kindertransports erheblich reduzieren.

Im September kauften wir einen Campingbus um für die Teilnehmer an unseren Hilfstransporten die Strapazen der Fahrt zu erleichtern und auch um das jedes Jahr leidige Thema „Wer leiht uns ein Fahrzeug“ zu beenden.Mit unserem neuen (gebrauchten) Wohnmobil am "Minsker Meer"

Im Oktober führten wir unsere Hilfsfahrt nach Rudensk durch, nachdem auch 1999 das Spendenaufkommen hierzu erfreulich gut war. Da im Waisenhaus Rudensk wenige Tage später eine Konferenz der Sportpädagogen der Republik Belarus stattfand und im Waisenhaus keinerlei Sportgeräte mehr in funktionstüchtigem Zustand vorhanden waren, legten wir bei diesem Transport verstärkt wert auf den Kauf von Sportartikeln, -geräten und –kleidung. Zumal die Ernte 1999 des Waisenhauses gut war, glaubten wir 1999 das Richtige zu tun. Die Anschaffungen waren ja nicht für den Kongreß selbst, sondern für die Kinder. Der Kongreß war nur der Auslöser. Die Teilnehmer selbst benötigten die Geräte aber auch für ihre Demonstrationen mit den Kindern.

Blick aus dem Fenster des Hotels "Turist" in Minsk. 100 Fahrgäste pssen bestimmt in den Omnibus.

Von vielen Vereinen, Organisationen und Bürgern der Gemeinde wurden wir 1999 wiederum unterstützt. Hierfür dankte der Vorsitzende, denn ohne diese Zuwendungen, Hilfen  und Spenden wäre die Vereinsarbeit undenkbar.

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Bei einer Familie mit einer MS-kranken Mutter.

Von unserer diesjährigen Hilfsfahrt nach Weißrussland sind wir schon seit 16. Mai 1998 wohlbehalten zurückgekehrt. Wir bitten um Nachsicht und Entschuldigung dafür, dass wir uns erst heute bei allen Spendern sehr herzlich für die großzügige Unterstützung bedanken die wir erfahren durften.

Von den Beschenkten – insbesondere natürlich vom Weisenhaus in Rudensk – sollen wir herzlich grüßen und den Dank übermitteln, was wir hiermit gerne tun.

Hilfe für das Internat für behinderte Sozial-Waisen in Rudensk.

Wie erwartet, ist auch diese Hilfsfahrt im Mai nicht ohne Probleme und Problemchen abgelaufen. Alles in allem sind wir aber sehr zufrieden, wie die Hilfsfahrt ablief, denn wir konnten immerhin um ca. 8.000,00 DM in Weißrussland einkaufen, wobei wir uns in erster Linie darauf konzentriert haben, einheimische Produkte zu erwerben, lediglich bei den Lebensmitteln wichen wir wegen einer möglichen Verstrahlung auf ausländische Erzeugnisse aus.

Leider war das Angebot an Schuhen und Bekleidung bescheiden, so dass wir in der Kürze der Zeit nicht die Menge einkaufen konnten, die wir uns vorgenommen hatten. Da wir aber neue Kontaktpersonen kennengelernt haben, sind wir zuversichtlich, dass bei unserer nächsten Fahrt auch dieses Problem besser gelöst werden kann

Als Ergebnis unserer Fahrt können wir feststellen, dass Hilfslieferungen nach Weißrussland nach wie von dringend erforderlich sind. Die wirtschaftliche Situation in Weißrussland scheint sich zwar zu bessern, doch ist die Inflationsrate höher als die Lohnsteigerungen, so dass die Mehrzahl der Bevölkerung sich wirklich nur das Allernötigste leisten kann.

Hügel der Ehre (des Sieges) bei Minsk. Aus jedem Dorf bzw. jeder Stadt wurde ein Eimer Erde aufgeschüttet.

Wir sind überzeugt davon, dass wir auch in Zukunft in unserem Bemühen, ein klein wenig zu helfen, weitermachen werden.

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Dankbar und zufrieden sind wir am Pfingstwochenende von unserer Hilfsfahrt aus Tschernobyl zurückgekehrt.

Wir konnten dort feststellen, dass sich zwar der Lebensstandard etwas stabilisiert und nach dortigen Begriffen normalisiert hat, dass aber nach wie vor die Einkommensobergrenze, je nach Beruf, zwischen 100 DM und 200 DM monatlich liegt. Die Hilfe aus Pfalzgrafenweiler und Umgebung wurde daher im Waisenhaus Rudensk und an anderen Stellen dankbar und freudig entgegengenommen.

Die Beschenkten haben uns mit bewegten Worten gebeten, allen Spendern sehr herzlich zu danken und wünschen allen Gesundheit und Wohlergehen.

Entgegen allen Erwartungen waren die Grenzabfertigungen freundlich und entgegenkommend. Wenn wir nicht insgesamt zehn Stunden Stau in Deutschland gehabt hätten, wären wir im Rahmen der üblichen Zeit in Minsk angekommen; so dauerte es rund 48 Stunden.

Da die Zollabfertigung in Minsk am Samstag nicht mehr durchgeführt wird, hatten wir Gelegenheit, zwei Tage lang die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Dies war, nachdem wir schon öfters in Minsk waren, auch einmal eine angenehme und interessante Beschäftigung.

Diese "Firma" darf nicht fehlen! Es gäbe sicherlich Wichtigeres in Belarus. Aber... es ist eines der besten Lokale!

Die Zollabfertigung am Montag/Dienstag war eine langwierige Prozedur, weil wir noch verschiedene Genehmigungen benötigten. Sei dies nun vom Veterinäramt, von der Staatsanwaltschaft, der Stadtkommission und dgl. Froh und überglücklich durften wir dann aber die Zollabfertigung im Gegensatz zu anderen Gruppen erleben. Nun hieß es: Verteilen der Hilfslieferungen, Aufstellen der Geräte und Möbel, so dass wir vollauf beschäftigt waren.

Müde, aber zufrieden und glücklich kamen wir in der Nacht vor Pfingsten wieder nach Hause, wo wir nun zufriedener die vielfältigen Angebote unserer europäischen Zivilisation genießen.

Die Beschenkten haben uns mit bewegten Worten gebeten, allen Spendernsehr herzlich zu danken und wünschen allen Gesundheit und Wohlergehen.

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Unsere Hilfsfahrt in den Bereich Tschernobyl ist zu Ende.

Viel haben wir erlebt in diesen 9 Tagen. Wohl das größte Erlebnis war die Dankbarkeit der Beschenkten über die Hilfsmittel aus Pfalzgrafenweiler und Umgebung.

Insgesamt 4 Tage waren wir auf der Straße oder an den Grenzen. Durch die gute Verpackung der Spendenmittel durch die Spender waren diesmal unsere Grenzaufenthalte aber wesentlich kürzer als sonst, was natürlich die Nervosität und Konzentration der Fahrer sehr positiv beeinflusste. Die Fahrzeuge der Firmen Pfefferle, Pfalzgrafenweiler bzw. Blum, Salzstetten waren technisch in Ordnung, so dass wir ohne Panne unsere Fahrt abschließen konnten. Glücklich sind wir darüber, dass auch diesmal wieder alles gut ging und dass wir in keinen Unfall verwickelt wurden.

Auch einen positiven Rekord können wir verzeichnen: Wir bekamen (zumindest bis heute) kein Strafmandat, was insbesondere für Polen und Weißrussland die große Ausnahme darstellt.

Dass vom 7. – 9. Mai in Weißrussland nicht gearbeitet wurde stellte uns vor organisatorische Probleme bei der Verteilung unserer Lieferung an das Waisenhaus in Rudensk, den Bezirk Partisanki-Prospekt des Roten Kreuzes in Minsk, die Stiftung den Kindern von Tschernobyl und andere Organisationen. Diese Situation haben wir jedoch gut gemeistert, da man sich ja bei einer solchen Fahrt von vornherein darüber im Klaren sein muss, dass Improvisationskunst und Flexibilität erste Priorität hat, weil sich die Dinge immer anders entwickeln als geplant.

Die Dankbarkeit der Beschenkten war wiederum sehr herzlich und groß. Insbesondere wann man bedenkt, dass seit unserem letzten Aufenthalt in Weißrussland die Löhne zwar um 10,00 DM pro Monat auf nunmehr 40,00 DM angestiegen sind, die Preissteigerung aber rund 300 % beträgt und damit der Lebensstandard sich wesentlich verschlechtert hat. Da heißt, die Durchschittsbevölkerung kennt Fleisch nur noch aus der Erinnerung oder vom Hörensagen, aber nicht auf dem eigenen Herd. Genauso geht es mit einer warmen Stube da ja die ganze Stadt Minsk durch ein Fernwärme- und -warmwassersystem versorgt wird wenn es -6 ° hat. Nun hatte es aber während unserem Aufenthalt + 6° Celsius. Das hieß für uns verwöhnte „Weilermer“ warm anziehen, was natürlich auch etliche Überwindung beim Duschen bedurfte So war der letzte Tag unseres Aufenthaltes nahezu ein Freudentag, als warmes Wasser aus der Dusche kam (max. 20° C).

Neben der großen Dankbarkeit der Bevölkerung war eines unserer Haupterlebnisse die Siegesparade zum Gedenken an das Kriegsende vor 50 Jahren. Mit leicht gemischten Gefühlen gingen wir dort hin.

Gewisse Zweifel oder Ängste waren allerdings unbegründet, da wir keinerlei negative Reaktion durch die vielen hunderttausende Menschen erfuhren. Ja, im Gegenteil, eine gewisse Sonderbehandlung durch die Polizei hatten, die uns im Gegensatz zu den Einheimischen durch ihre Sperren an die vorderste Zuschauerreihe ließ, so dass wir rund 200 m vom eigentlichen Festakt entfernt unseren Standort hatten.

Auch als wir am Ende der Parade noch in einer politischen Demonstration festsaßen, spürten wir keinerlei negative Stimmung – im Gegenteil. Trotz der aufgeheizten Stimmung der Demonstrationsteilnehmer waren diese uns gegenüber freundlich und zuvorkommend.

Ein weiterer Höhepunkt unserer Reise war sicherlich der Besuch des Balletts, von welchem zumindest die Einheimischen behaupten, dass dies das beste Ballett der ehemaligen Sowjetunion sei.

Viele Eindrücke haben wir wieder gewonnen. Der wichtigste Eindruck war jedoch, dass die wirtschaftliche Situation wesentlich schlechter wird und dass wir nicht nachlassen sollten den Kindern von Tschernobyl zu helfen.

Voller Dankbarkeit sind wir zurückgekehrt weil uns viel Dankbarkeit entgegengebracht wurde und wir sicher sind, Freunde in Weißrussland gefunden zu haben und somit auch ein Stück zur Völkerverständigung beitragen konnten. Die große Dankbarkeit gilt natürlich all denjenigen die uns wiederum unterstützt haben. Wir freuen uns ganz besonders darüber, dass die Spenden dieses Jahr noch vielfältiger waren als bei unserer letzten Fahrt. Daher haben wir noch gewisse Reserven und werden diese vermutlich im Oktober nach Weißrussland bringen.

Alle Beschenkten haben uns gebeten den Spendern herzlich zu danken. Dies wollen wir hiermit tun.



Fahrt der Initiativen Pfalzgrafenweiler und                                                                                                                                                                                                    Rottenburg-Baisingen nach Minsk                                                                                                                                                  (vor der Vereinsgründung)

Teilnehmer:
                                                                                                                                                                                                     Uwe  Ade, Schopfloch
Anita Bernhard, Baisingen
Anton Buck, Bramsche
Manfred Ferch, Pfalzgrafenweiler
Andreas Fink, Baisingen
Dietrich Galsterer, Pfalzgrafenweiler
Heinz Graf, Pfalzgrafenweiler
Dieter Hermann, Baisingen
Janette Hermann, Baisingen
Thorsten Knittel, Haiterbach
Frank Kohlbach, Haiterbach
Dieter Pfefferle, Pfalzgrafenweiler


Wir hatten uns ja bereits 1993 vorgenommen, auch im Jahr 1994 wieder eine Hilfsfahrt in den Bereich Tschernobyl durchzuführen und – nachdem die Betreuung durch die Stiftung „Kinder von Tschernobyl“ in Minsk im Oktober 1993 sehr gut war- war klar, dass unser Ziel nicht Kiew, sondern Minsk sein wird. Zudem war von Baisingen aus vorgeschlagen worden, eine gemeinsame Fahrt durchzuführen, weil dort noch erhebliche Spendenmittel vorhanden waren und die Baisinger Gruppe in den letzten Jahren nicht in der Lage war, einen Lkw aufzutreiben.

So haben wir bereits frühzeitig begonnen, mit der Spedition Pfefferle Kontakt aufzunehmen, um von dort einen Lkw zu bekommen, was uns auch zugesagt wurde. Unter dem Gesichtspunkt des Transports konnten wir frohgemut ans Werk gehen.

Da wir selbst bisher noch keine solche Fahrt organisiert hatten, sondern dies unsere Freunde aus Rötha in Sachsen machten, waren wir doch überrascht wie viel Bürokratismus und Formalitäten zu erledigen waren.

Um die Visa u.dgl. kümmerte sich die Gruppe Baisingen, um die Transportgenehmigungen Dieter Pfefferle, ich um eine Genehmigung als DRK-Hilfstransport, Spendenaufrufe und Spenden, Manfred Ferch um die Mannschaft, Spenden und den vielen „Kleinkram“.

Viele Stunden waren erforderlich, um die Vorbereitungen zu treffen; zumal wir auch sehr skeptisch waren, ob 1994 wiederum ein gutes Spendenjahr sein würde, weil ja einerseits die Rezession die Mitbürger plagt, anderseits es nun innerhalb kürzester Zeit schon die dritte Fahrt in den Bereich Tschernobyl ist und andere Gruppierungen für Jugoslawien, Bosnien, Rumänien, Estland usw. in Pfalzgrafenweiler sammeln.

Trotzdem – wir waren zuversichtlich. Die ersten Ergebnisse zeigten, dass zumindest die Geldspenden wie bisher flossen. Mit Sachspenden haperte es am Anfang, aber zum Schluss hatten wir soviel beisammen, dass wir nicht alles transportieren konnten, denn durch entsprechende Beziehungen und Umwege hatten wir noch das Angebot von der Universität Tübingen, über 100 Krankenbetten mitzunehmen. Am Ende war es nicht mehr ein Problem der Anzahl der Spenden, sondern ein logistisches Problem.

Dank einer glücklichen Eingabe setzte ich mich mir der Firma BMP (Herrn Rolf Benz) in Verbindung, welcher sich spontan einschaltete, um bei seinem Partner, der Firma Alfred Schuon in Haiterbach, einen Lkw zu bekommen.

Wenige Tage vor der Abfahrt musste uns die Firma Pfefferle eine Absage erteilen. So standen wir natürlich unter Termindruck. Nur durch eine glückliche Fügung gelang es Manfred Ferch, zwei 7,5 Tonner, einen von Herrn Hahn über die Mercedes-Benz-Niederlassung in Rottweil und den anderen von der Spedition Blum in Salzstetten zu bekommen. Letztendlich war dann wieder die Frage, wie können wir für jedes Fahrzeug zwei Fahrer einsetzen. Glücklicherweise hatten wir eine gewisse Reserve an Interessenten, so dass dann in letzter Sekunde noch Uwe Ade aus Schopfloch mitfuhr. Sein Visum-Antrag war nach zwei Tagen genehmigt, da dass alles klar war und wir starten konnten.


Nachmittags um 14.00 Uhr war Laden angesagt.

Überraschenderweise hatte Dieter Pfefferle den Mercedes-Benz-Lkw bereits zu diesem Zeitpunkt geladen, was natürlich für uns alle eine wesentliche Arbeitserleichterung war, andererseits aber auch dazu führte, dass die Waren nicht nach Empfänger sortiert waren. Dies war weiters nicht schlimm, brachte aber am Bestimmungsort gewisse Probleme, weil wir die Waren anders als geplant verteilen mussten.

Durch die gute Vorarbeit von Dieter Pfefferle war dann das Beladen in Pfalzgrafenweiler schnell erledigt und ab ging’s nach Baisingen, um dort die restliche Ladung aufzunehmen.

Als gegen ca. 16.00 Uhr Frau Benz aus Nagold anrief, dass sie noch einige Pakete bringen wolle, war ich erheblich unter Druck, weil hier kein Lkw mehr war. War aber kein Problem, weil Frau Benz eine wesentlich kürzere Anfahrtsstrecke nach Baisingen hatte und dort die Gruppe noch erreichte. Als ich in aller Eile in Baisingen ankam, war bereits ab- bzw. aufgeladen.

In ganz hervorragender weise hatte Frau Benz nicht nur einige wenige Pakete, sondern eine große Anzahl von Paketen gerichtet. Man spürte deutlich, dass sie einerseits in diesen Dingen große Erfahrung hat, weil sie ja schon mehrfach Transporte nach Rumänien organisierte und begleitete und andererseits mit Engagement bei der Sache war und – was wir noch nie erlebt hatten – eine Packliste in russischer und deutscher Sprache beigefügt hatte, was später sehr hilfreich war, da wir so das eine oder andere vom Inhalt her erklären konnten.

Etwas nervös wurde ich dann, weil um 18.00 Uhr Pressekonferenz angesetzt war und ich von der Gruppe Baisingen nichts mehr gehört hatte und selbst erst gegen 19.30 Uhr vom Pressetermin erfuhr. Die Baisinger waren in Ofterdingen damit beschäftigt, die Krankenbetten zu laden und brauchten dazu wesentlich länger als ursprünglich geplant, denn – nur die Krankenbetten zu verpacken hätte bedeutet, mindestens 50% Ladenvolumen zu verschenken. So musste also zunächst der ganze Lkw wieder abgeladen und eine Schicht Betten, eine Schicht Spenden, eine Schicht Betten usw. neu geladen werden, was natürlich sehr zeitraubend war. Gegen ca. 22.00 Uhr war dann auch diese Aktion beendet. Danach konnte noch, außerhalb der Dienstzeiten  des Zollamts Tübingen, die Zollabfertigung erfolgen.

Die Pressekonferenz war allerdings ins Auge gegangen. Dafür war aber Frau Ade am nächsten Morgen bei der Abfahrt da, machte ein Bild und fertig war der Pressetermin.

Zwischenzeitlich hatte ich auch das Begleitfahrzeug des DRK Ortsvereins Pfalzgrafenweiler übernommen und vorbereitet. Dieses Fahrzeug sollte uns später noch von großem Nutzen sein.

Nachdem nun alles vorbereitet war konnte die Fahrt am nächsten Morgen beginnen. In der Hoffnung dass nichts vergessen wurde und die Fahrt gut verlaufen möge.

Eigentlich müsste alles erledigt sein – oder doch nicht? Schließlich hatten wir verschieden Besprechungen im „Vereinsheim Ferch“, hatten die beiden Fahrer der Firma Schuon kannengelernt hatten 5 cm Begleitpapier und, und….                                                                                                                                                                                                              Zweifel? Nein danke!

Na dann gute Nacht!



Die Abfahrt war auf 6.00 Uhr angesetzt.

Weinige Minuten danach kam ich bei Manfred in der Kronenstraße an und stellte zu meiner Freude fest dass ich nicht der letzte war. Das Gepäck der eintrudelnden Reiseteilnehmer war relativ schnell im DRK-Fahrzeug untergebracht, doch – o Graus! Zwischenzeitlich waren weitere Pakete von unserer Sammelstelle (Nübel, Herzogsweiler) angekommen, die noch verstaut werden mussten. Einige davon konnten noch im DRK-Fahrzeug untergebracht werden, doch was mit den anderen Paketen tun, da die Fahrzeuge ja bereits vom deutschen Zoll verplombt waren?

Glücklicherweise – im Moment zumindest – war der Mercedes-Lkw nicht übermäßig gut verplombt, sodaß wir trotzdem die Pakete unter der Plane hindurch auf den Lkw laden konnten.

Um 6.30 Uhr ging es endgültig ab zum Treffpunkt an der Autobahn bei der Raststätte Schönbuch. Und siehe da, die Gruppe Baisingen mit dem Schuon-Lkw und dem VW-Bully war bereits da.

Man staune, obwohl die Strecke bereits mehrfach besprochen war, stellten wir plötzlich fest, dass jede Gruppe eine andere Reiseroute im Auge hatte. Also ging es nochmals darum, die Route zu besprechen.

Um 7.30 Uhr ging’s dann weiter. Am Rasthof Frankenhöhe war um 9.45 Uhr die erste kurze Pause und zwischen 11.15 und 11.55 Uhr, nach rund 300 km Fahrt, gab es den ersten Tankstopp, verbunden mit Kaffee und einem zweiten Frühstück.

Chemnitz erreichten wir um 14.30 Uhr. Dann kam der große Stau. Gegen 15.45 Uhr passierten wir Dresden. 580 km waren gefahren.

In Görlitz kamen wir um 17.50 Uhr im Zollhof an.

Am Zoll in Görlitz: Warten, warten, und nochmals warten.

Wieder einmal stellten wir fest, dass wir relativ naiv an die Sache herangegangen waren, denn die Gedankengänge eines polnischen Zöllners zu verstehen, wird auch in Zukunft nicht unsere Stärke sein! Ausgerüstet mit wunderbaren Papieren der verschiedensten Organisationen – DRK Landesverband Baden-Württemberg, Genehmigung für den internationalen Güterverkehr des Transportministers der polnischen Republik oder des belarussischen Ministeriums für Transport und Kommunikation – ging ich frohen Mutes zum deutschen Zoll und meinte, alles wäre sofort erledigt. Doch selbst dort war man mit den vorgelegten Papieren inklusive der von Dieter Pfefferle gefertigten Transportpapieren gar nicht so recht einverstanden.

Die Papiere des DRK wurden angesehen und zur Seite gelegt. Die Frachtbriefe waren anscheinend falsch. Sie mussten umsortiert, mit den entsprechenden Ladelisten verglichen werden usw.

Dann war natürlich auch noch die Frage: Auf welchem Lkw sind die Arzneimittel? Was ich natürlich nicht wusste. Also zurück und Dieter Pfefferle suchen und finden. Dann wieder zum Zoll. Dies ist nicht so einfach, denn mindestens 200 Lkw-Fahrer warteten vor uns und waren sicherlich nicht besonders begeistert, wenn wir an Ihnen vorbeigingen, da wir ja bevorrechtigt behandelt werden mussten. Insofern nützte mir die DRK-Jacke, welche ich vorsorglich mitgenommen hatte, zum eigenen Schutz und als Sicherheit, obwohl die überwiegend polnischen und sonstigen ausländischen Fahrer nicht aggressiv waren.

Fortan übernahm Dieter Pfefferle das Problem Zoll. Die deutsche Zöllnerin wurde langsam freundlich, höflich und zugänglich und hatte Erbarmen mit uns. Sie richtete die Papiere, aber der Herr Chef war dann wieder nicht einverstanden, denn es fehlten zwei Striche auf dem „ü“ bei Tübingen usw. Aber letztendlich hatte sie die Papiere für uns gerichtet und ging mit uns aus der Zollbaracke heraus, um uns den weiteren Fortgang zu erklären, denn eine normale Unterhaltung war dort nicht möglich.

Schließlich und endlich standen hinter uns 200 Leute, der Duft und die Wärme waren einfach „himmlisch“, und der kleine Schalter, durch den man sich unterhalten sollte, war eher als Hindernis gebaut denn als Kommunikationsmöglichkeit.

Der deutsche Zoll war geschafft!

Nun ging es darum, die Zollpapiere für Polen zu bekommen. Also ging’s zur Spedition Kompaß zum Ausfüllen des entsprechenden Formulars in polnischer Sprache. Auch dieses war von Dieter Pfefferle vorbereitet worden, doch ein Buchstabe war falsch. Oh, welches Problem! Ein neues Formular musste unter viel Diskussion und Trara ausgefüllt werden. Doch letztendlich gelang auch dieses.

Also ging die Mitarbeiterin der Spedition zum polnischen Zoll. Sie kam nach relativ kurzer Zeit unverrichteter Dinge zurück, der polnische Zoll braucht eine Rechnung!

Nun gut, wir drückten der Dame nochmals die Papiere des Roten Kreuzes in die Hand; mit dem Hinweis, dass es sich ja um eine Spendenfahrt handelt und dass üblicherweise für Spenden keine Rechnung vorhanden ist, aber, ohne Rechnung kein Grenzübergang!

Ob nun die Damen der Spedition aus Langeweile nur eine Schau abzogen oder dies wirklich so war, lässt sich nicht ergründen.

Nach einigem Warten – in der Hoffnung, dass die Polen die Rechnung zwischenzeitlich vergessen hätten – nochmals ein Versuch. Aber vergeblich! Fazit: Wir schreiben eine Rechnung. Ich hatte das Dienstsiegel der Gemeinde dabei, welches ich sowieso benötigt hatte um die veränderten Fahrzeugnummern des Schuonfahrzeuges zu beurkunden, so dass die Rechnung relativ bald geschrieben war. Und siehe da – die Rechnung genügte. Alle anderen Papiere waren nich wichtig!

Uff, der   polnische Zoll war geschafft (denkste). Es ging nun lediglch nur noch darum, dass einer der Zöllner die Zollplomben überprüft. Was beim nachträglichen Beladen der Fahrzeuge in Pfalzgrafenweiler von Vorteil war, erwies sich nun als Nachteil. Der Pole meinte, der Mercedes-Lkw könne von ihm so nicht akzeptiert werden, da ja be- und entladen werden könnte. Wir müssen die Zollschnur neu befestigen. Was aber aufgrund der technischen Vorrichtungen am Lkw nicht möglich war.

Also, nochmals warten. Mit einem Scheinchen in der Hand zum Zoll (natürlich nicht abgeben, sondern nur sehen lassen) und wieder um Verplombung bitten, da ja zwischenzeitlich die Sache erledigt sei. Der Zöllner kam, nahm widerstrebend das Scheinchen an und mit der Verwarnung, die Sache das nächste Mal besser anzugehen, wurden wir entlassen.

Zwischenzeitlich war es 21.45 Uhr geworden.

Wenn man die Nerven und die ganze Anspannung, die über dieser Zollangelegenheit lag, nicht berücksichtigt, muss man sagen, vier Stunden sind Rekordzeit.

Jetzt hieß es zur Grenze zu kommen.

Da sich alle Lkws, die am Zollhof abgefertigt wurden, nun vor der Grenze stauten, hätten wir sicherlich noch einige Stunden bis zur eigentlichen Grenze benötigt. Deshalb riefen wir – wie in früheren Jahren auch – bei der deutschen Polizei an und baten um Begleitung zur Grenze. Dieses wurde uns auch gewährt. Nach kurzem Warten kam die Polizei und ab ging’s mit Baulicht sowohl vom DRK-Fahrzeug wie von der Polizei Richtung Grenze. Diese Fahrt war abenteuerlich, denn die Stadt war tatsächlich total verstopft und überfüllt. Über viele Nebenstraßen erreichten wir die Grenze und wurden dort schnell abgefertigt, so dass wir um 23.10 Uhr die Grenze überschritten hatten.

Grenzaufenthalt bzw. Verzögerung durch Grenzschikanen: 17.50 Uhr bis 23.10 Uhr. Alles in Allem starke 5 Stunden. Toll, denn ein normaler Lkw braucht das dreifache an Zeit oder viel Bakschisch.

Wenn man bedenkt, dass wir die Genehmigung vom DRK-Landesverband hatten, ist es schon befremdlich, wenn man sieht, dass diese Papiere für den Zoll keinerlei Wert haben. Natürlich wurden wir vom deutschen Zoll bevorzugt behandelt, die Polen haben uns aber mit diesen Papieren lediglich belächelt. Einen schnelleren Ablauf der Zollabfertigung haben diese Papiere nicht bewirkt. Ob hier aber das Rote Kreuz insgesamt etwas ändern kann ist fraglich, da die polnische Mentalität dies möglicherweise nicht zulässt. Dies ist in erster Linie eine Frage an die Politik. Was soll Wirtschafthilfe an Polen ohne eine vernünftige Granzabfertigung? Ohne Moos nix los? 

Gegen 24.00 Uhr machten wir Pause: Tanken, Kaffee trinken und was sonst alles nach einer so langen Fahrt und Warterei notwendig ist (fare pipi).


Weiter ging’s über Breslau Richtung Warschau. Die Straßenverhältnisse sind recht gut, so dass wir um 5.20 Uhr in der Nähe von Lotz sind und rund 1000 km hinter uns gebracht haben.

Um 8.00 Uhr ist rund 70 km vor Warschau Frühstückspause. Auch hier bekommen wir wieder aus der guten Küche von Anita Bernhard im VW Bully einen hervorragenden Kaffee.

Frühstückspaus bei Warschau

Wir tanken die Fahrzeuge nochmals auf. Der Schuon-Lkw möchte in Warschau tanken, da er dies auf die Tankkarte der Firma tun kann. Die Fahrer glauben, dort eine Shell-Tankstelle zu kennen, bei der dies möglich ist. Ich halte dies nicht für gut da ja die Firma Schuon uns das Fahrzeug mit vollem Tank zur Verfügung gestellt hat. Gut, wenn wir diesen Sprit dann bezahlen und ein paar Pfennige sparen, soll es recht sein. Aber mit einem Konvoi durch Warschau zu fahren ist eigentlich ein Witz, da es eine gut ausgebaute Umgehungsstraße gibt, denn der Verkehr ist in Polen relativ stark. Warum soll man, nachdem die Reise an sich schon ein Risiko ist, dieses zusätzliche Risiko auf sich nehmen?

Leider sitze ich nicht selbst am Steuer sondern Uwe. Ich sage dies nicht wegen seiner Fahrkünste, sondern wegen meinen Nerven. Er versucht natürlich, am Konvoi dran zu bleiben da wir das letzte Fahrzeug sind. Wenn das erste Fahrzeug bei Rot über die Ampel fährt, wird es für uns brenzlig!

Natürlich finden wir die Tankstelle nicht! Irgendwann müssen wir wenden, da wir in die falsche Richtung fahren. In der Hektik des Versuchs wieder aufzuholen passiert es, dass Uwe eine Straßenbahn, die von links anbraust, übersieht. Mein Schrei „Gib Gas“ führt zu dem Ergebnis, dass wir zwar fast auf den Vordermann auffahren, aber die Straßenbahn mit ca. 10 bis 15 cm Abstand dann hinter uns vorbei rattert.

Alles wäre nicht so tragisch, wenn in Warschau die Fahrtrichtung Brest ausgeschildert wäre und wir ohne unsere Vorderleute den Weg finden würden. Deshalb immer dran bleiben! Uwe hält dann doch bei den roten Ampeln. Und siehe da, die übrigen Kollegen warten auf uns, so dass wir zwar ein Verkehrschaos produzieren, aber immer schön zusammen bleiben.

Nach näherem Kartenstudium stelle ich fest, dass tatsächlich die Richtung  Brest ausgeschildert ist, allerdings nicht mit Brest, sondern mit einem kleinen polnischen „Nest“, welches direkt vor der weißrussischen Grenze liegt. Nationalstolz in Ehren, aber Verkehrssicherheit sollte vorgehen.

Irgendwann kommen wir alle wohlbehalten aus der Stadt heraus und weiter geht’s Richtung Grenze, wo wir gegen 15.00 Uhr, nach zwei weiteren Tankstopps, am Ende einer lagen Autoschlange ankommen.

Hunderte Lkws warten vor der polnisch/ belarussischen Grenze auf ihre Abfertignung

Dieter Hermann und ich fahren vor bis zur eigentlichen Grenze, da wir uns nicht getrauen, mit dem ganzen Konvoi ohne die Genehmigung der polnischen Zöllner an den wartenden Lkws vorbeizufahren. An der Grenze steht ein höherer Grenzoffizier, der uns sehr freundlich begrüßt und – obwohl wir unterschiedliche Sprachen sprechen – uns sofort sagt, dass wir vorfahren dürfen.

Welch wohltuender Gegensatz zu Görlitz!

Also zurück zu den Kameraden, die in ca. 10 km Entfernung am Ende der Schlange stehen.

Blaulicht an und vor. Wenn wir gewisse Skrupel hatten, dass die Lkw-Fahrer, welche ja bereits Stunden oder Tage warteten, bösartig würden, sehen wir uns angenehm überrascht. Die Wartenden sind sehr freundlich, machen soweit dies erforderlich ist – Platz und ohne Zwischenfälle (außer gewissen Rangierproblemen) – kommen wir an der Grenze an.

Der Offizier ist nicht mehr da, dafür steht ein grimmiger Grenzsoldat mit MP da, der aber umgehend zu seinem Chef geht und uns dann erklärt, dass wir die Grenze passieren können.

Ein Wunder! Dieses Wunder belohnen wir entsprechend und fahren zur belarussischen Grenze.

An dieser stehen nur wenige Fahrzeuge. Wenn man bedenkt, mit welcher Geschwindigkeit die Fahrzeuge abgefertigt werden, kann man verstehen, dass vor der Grenze 317 Fahrzeuge warten. Fünf Fahrzeuge werden ungefähr in der Stunde abgefertigt, was bei 317 Fahrzeugen eine Wartezeit von 64 Stunden oder rund zweieinhalb Tage bedeutet. Und wir sind nach fünf Minuten beim belarussischen Zoll!

Auch die Russen sind sehr freundliche. Es dauert natürlich seine Zeit, da ja jeder Beamte seine Aufgabe hat. Der erste kontrolliert mit dem Hund (was er sucht wissen wir nicht), auf alle Fälle machte er ein Zeichen an die Fahrzeuge, die er überprüft hat. Der nächste übergibt einen kleinen Kontrollzettel in Briefmarkengröße für das Fahrzeug. Ein anderer überprüft die Plomben, ein weiter prüft etwas anderes - und so hat jeder seine Arbeit und sein zusätzliches Einkommen, da jeder nur nach einem kleinen Geschenk tätig wird.

Und weiter geht’s.

Weiter gehen soll’s. Die Schuon-Fahrer haben den Kontrollzettel verloren. Der oberste Zöllner schickt den Fahrer wieder zurück zum Anfang, damit er evtl. noch einmal einen solchen Begleitzettel bekommt, denn ohne diesen kann man das Fahrzeug nicht mitnehmen. Nun ist guter Rat teuer. Da aber der erste Zöllner dringend einen Wodka benötigte, empfehlen wir unserem „Itzeblitz“ er möge doch zunächst in den Duty-free-Shop gehen, dort eine Flasche Wodka kaufen und sich mit dieser den Zettel holen. Dieses Rezept ist gut – es gelingt! Also können wir weiterfahren.

Nachdem auch der letzte Kontrollposten passiert ist – er betrachtet lang und ausgiebig den Kontrollzettel und weiß nicht, was er mit ihm anfangen soll; ein Kaugummi aus dem einen Fahrzeug, eine Schokolade aus dem anderen, ein paar Zigaretten u.a. bringen aber sein Gedächtnis zurück – geht es nach rund einer Stunde weiter.

Bei einem Kurzstopp am Rande der Autobahn kommt ein Russe mit leerem Lkw zu uns, legt einen Ausweis vor und erklärt, er käme von der Polizei bzw. Milicia und erzählte einiges, was wir aber nicht verstanden. Tatsache ist – so die Schuon-Fahrer, die etwas russisch verstehen-, dass sich der junge Mann mit einem völlig irrationalen Ausweis aus der alten Sowjetunion als Polizist ausgibt und meint, er müsse unsere Ladung beschlagnahmen. Wir nehmen die Sache nicht übermäßig ernst und lassen ihn stehen. Wenn dieser Junge cleverer gewesen wäre und noch ein paar „Kollegen“ bei sich gehabt hätte, wäre die Sache für uns sicherlich nicht so einfach abgegangen.

Von 17.05 Uhr (Grenze) bis an den Stadtrand von Minsk brauchen wir noch rund sechs Stunden (23.00 Uhr). Wir bitten den Gaiposten, uns einen Milizionär zu besorgen, welcher uns bis zu unserem Hotel begleitet. Wir hatten dies vorher schon bei einem anderen Gaiposten abgesprochen. Leider funktionierte dies nicht, die Polizisten erklären uns aber den genauen Weg, so dass wir relativ schnell (um 24.00 Uhr. Belarussische Zeit 1.00 Uhr) bei unserem Hotel ankommen.

Beim Hotel ist ein gut bewachter Parkplatz, auf welchem wir unsere Fahrzeuge abstellen können. Ganz trauen wir der Sache nicht, stellen aber im Laufe der Woche fest, dass nichts passiert – trotz Wodka u.dgl.

Das Hotel ist schon geschlossen. Da wir aber Nikolaj, unseren Dolmetscher und Vertreter des Komitees „Kinder von Tschernobyl“ angerufen hatten, war dieser dort, erwartete uns und alles war vorbereitet, so dass wir relativ zügig die Zimmer beziehen konnten.

Die Zimmer waren besser als erwartet. Wobei sicherlich jeder andere Erwartungen hatte. Doppelzimmer mit Dusche und WC! Was will man mehr? Man muss ja nicht unbedingt jede Ecke nach Sauberkeit überprüfen!


Heute ist nicht nur 1. Mai, sondern auch (nach dem orthodoxen Kalender) Ostersonntag, also ein hoher Feiertag, so dass wir nichts unternehmen können. Aus diesem Grunde haben wir uns schon im Vorfeld auf einen Stadtbummel eingestellt.Wir setzen uns mit Nikolaj und Swetlana von der Stiftung zusammen und entwerfen einen Schlachtplan für den heutigen und die nächsten Tage, da wir uns ja trennen müssen, um einerseits die Spenden in Minsk und Umgebung zu verteilen und um andererseits nach Mogiljow und Sokolowka zu fahren. Wer bleibt? Wer fährt mit? Diese Frage ist schnell gelöst, denn sie hängt mit der Ladung der Fahrzeuge zusammen. D.h. Manfred, Uwe, Anton und ich bleiben in Minsk, da in unserem Fahrzeug die Ladung für Minsk ist. Alle anderen fahren weiter.

Als die Organisation klar ist, machen wir uns auf den Weg in die Stadt. Zunächst geht´s zur Straßenbahnhaltestelle, wo wir jedoch wegen des Feiertags keine Karten kaufen können – die Schalter sind nicht besetzt. Also, schwarzfahren!

Öffentliche Verkehrs-mittel sind billig, daher oft sehr überfüllt. Hier benutzen wir eine fast leere Straßenbahn.

Wir nehmen die Straßenbahn, nicht um dieses antiquare Verkehrsmittel kennenzulernen, sondern um unsere Fahrzeuge zu schonen, denn in der Stadt selbst sind die Straßen teilweise sehr schlecht; Kreuzungen, bei denen Straßenbahnschienen überquert werden müssen, gehen nur im Schritttempo. Aber auch andere, autobahnähnliche Straßen sind nur sehr langsam befahrbar.

Die Stadt selbst bietet architektonisch nicht übermäßig viel, obwohl sie eigentlich von der Städteplanung her interessant ist. Breite, oft mehrspurige Straßen, viele Grünzonen, Parks, Seen und der Fluss, welcher die Stadt durchfließt. Aber alles ist oft in einem relativ ungepflegten und trostlosen Zustand.

Unser erstes Ziel ist der Markt beim Stadion, welcher zwar als Einkaufsmöglichkeit interessant ist, aber für uns nichts bietet, denn es werden überwiegend westliche Waren angeboten, welche aber nach Meinung unserer Begleiter keine Originale, sondern Nachahmungen aus der Türkei, Griechenland usw. sind. Alles sieht gut aus, ist aber für die Verhältnisse der Belarussen sehr teuer und für einen Normalbürger nicht erschwinglich. Trotzdem wird gekauft, zwar mäßig – aber es fließen Umsätze.

Auffallend sind die vielen, relativ gut gekleideten Menschen. Unsere Frage: Wie kommt es, wenn doch die Einkommen so gering sind, dass es so viele gut gekleidete Menschen gibt? Eine typisch russische Antwort: “Das weiß ich nicht, das ist eigentlich nicht möglich, ich kann die Frage nicht beantworten.“ Nachfrage: „Schwarzhändler, Schieber u.dgl.“ „mag sein, ist möglich; es ist unvorstellbar, dass es bei uns Menschen gibt, die so viel Geld haben“ ist wiederum die ausweichende Antwort.   

Bei einem privaten Geldwechsler tauschen wir noch etwas Geld. Heute ist der Kurs 1:8.000.

Nach diesem Marktbesuch bummeln wir weiter durch die Stadt. Echte Sehenswürdigkeiten sehen wir nicht, allenfalls Löcher in der Straße oder im Gehweg, wobei diese Löcher teilweise bis über 50 cm tief sein können.

Am Rande des Flusses ist noch ein Teil der alten Stadt erhalten. Diese Häuser zeigen noch etwas vom früheren Wohlstand und sind relativ gut hergerichtet. Dort besuchen wir gegen 17.00 Uhr ein Restaurant, welches nach westlichem Vorbild geführt wird. Vorspeise, Zwischenspeise und Hauptgang und eine Dose deutsches Bier kosten rund 5,00 DM. Eine billige und preiswerte Sache für uns, unsere Begleiter müssten aber rund einen Wochenlohn dafür hinlegen.

Unterwegs kamen wir auch an der russisch-orthodoxen Kirche vorbei in welcher ein Gottesdienst abgehalten wurde. Gerne hätte ich diese Kirche besucht. Sie war aber total überfüllt, viele Menschen standen noch Schlange am Eingang und viele lauschten der Lautsprecherübertragung. Fernsehen und Rundfunk waren anwesend. Es muss also vermutlich der wichtigste Ostergottesdienst in Weißrussland gewesen sein.

Unser Weg führte uns auch am Parlament vorbei, welches mächtig und neuzeitlich gebaut ist. Typisch für Belarus war die Statue Lenins vor dem Parlament, die von Passanten mit Blumen geschmückt wurde, da ja Maifeiertag war. Der Kommunismus bzw. Sozialismus ist also noch im Herzen. Wir konnten z.B. einen älteren Herrn beobachten, welcher ehrfürchtig und wie im Gebet versunken vor diesem Denkmal zu einer kurzen Besinnung innehielt.

Patriotische Reliefs am Lenindenkmal

Rund 80 % der Parlamentarier sind dem Sozialismus zuzuordnen, so dass klar ist, dass die freie Marktwirtschaft in unserem Sinne noch lange auf sich warten lässt und andererseits die Misserfolge der Planwirtschaft deutlich sichtbar zu Tage treten. Diese wirken sich nicht nur im schlechten Zustand der Straßen und Gebäude aus, sondern auch in der Tatsache, dass die Industrie und Gewerbeproduktion nahezu zusammengebrochen ist, weil Rohstoffe nicht zu bekommen sind, andererseits kaum noch die Waren in die ehemalige Sowjetrepubliken ausgeführt werden können, da es auch dort kaum Geld gibt.                                                                                   So ist Kurzarbeit angesagt: in vielen Werken gibt es nur für ein oder zwei Tage Arbeit, der Rest ist frei ohne Bezüge. Geld ist nicht vorhanden, so dass die Arbeiter Wochen oder Monate auf ihr Geld warten müssen. Eine Rezession, die weit über das hinausgeht, was wir uns allgemein als noch erträglich vorstellen können, ist die Quelle großer Inflation. So wird der Wechselkurs täglich geändert. Wir können dies deutlich feststellen. Am Ende unseres Aufenthaltes wird er bei 1:9.000 liegen.
Die Inflation selbst ist auch am Geld zu sehen: der belarussische Rubel gilt seit ungefähr einem Jahr und trotzdem sind Ein-Rubel-Scheine nicht ein Rubel, sondern zehn Rubel, Zehn-Rubel-Scheine sind nicht zehn, sondern 100 Rubel; d.h. immer eine Null hinzurechnen. Die Einheimischen kommen mit dieser „Plus-Null-Rechnung“ gut zu Rande, wir haben jedoch manchmal Probleme damit.

Nach dem Mittagessen, das ja gegen Abend stattgefunden hat, gehen wir langsam Richtung Straßenbahn und rumpeln mit dieser zurück zum Hotel. Dort ist mächtig was los: Heute ist Tanzmusik. Das Restaurant dröhnt und vibriert, so laut ist die Musik. Typisch westlich, auch im Lärm.                                                                                                                                                                  Wir lassen uns diesen Spektakel nicht entgehen und ergattern uns einen Tisch. Es ist interessant zu sehen, dass die Menschen für dieses Tanzvergnügen das nötige Kleingeld haben (allerdings darf man dabei nicht übersehen, dass die Stadt 2 Millionen Einwohner hat und hier vielleicht 150 Zecher sind). Zecher deshalb, weil der Alkohol in Strömen fließt. Ich würde schätzen, pro Person mindestens 1,5 Liter Wodka.                                                                                                                                                                                  Hin und wieder macht ein Gast schlapp. Sofort erscheint die Miliz und führt den oder die Betrunkene ab, draußen wartet schon die „grüne Minna“, in welche diese Passagiere sehr unsanft (mit Hau-Ruck) hinein geworfen werden. So dürfte im Laufe des Abends – und dieser ist um 22.30 Uhr zu Ende – ca. 15 bis 20 Gäste unfreiwillig das Lokal verlassen haben. Aber auch die anderen haben erhebliche Schlagseite.

Wir genehmigen uns zunächst ein Fläschchen Weißwein (Ursprungsland: Ungarn, Kosten: ca. 2,50 DM) und dann als Krönung des Abends noch zwei oder drei Fläschchen „Champanski“ (Ursprungsland: Frankreich oder Russland, Kosten: ca. 2,80 DM). Nach getaner Arbeit ziehen wir uns in unsere Gemächer zurück. Ich bemerke, dass wir unsere Kühltasche noch nicht geöffnet haben, worin sich ja überwiegend Frischwurst u. dgl. Befindet. Ein etwas unangenehmer Duft entweicht dieser Tasche, so dass wir zunächst einmal unsere Wurst zum Lüften aufhängen in der Hoffnung, dass sie nicht verdorben ist. Sie sieht auf jeden Fall noch gut aus.
Weitere Aktivitäten entwickeln sich nicht mehr. Aufgrund der langen Anfahrt und des relativ großen Spaziergangs schlafen wir tief und selig bis zum nächsten Morgen, denn Wecken ist erst spät angesagt.


Nachdem heute Ostermontag ist, haben wir uns vorgenommen etwas länger zu schlafen um die restliche Müdigkeit abzuschütteln. Deshalb ist erst gegen 10.00 Uhr Frühstück angesagt. Auch deshalb, weil trotz des Feiertages um 11.00 Uhr der Zoll unsere Ladung abnehmen will.

Nachdem gestern das Frühstück recht kärglich war (altes Weiß- und Schwarzbrot, gute Butter, 2 Scheibchen Käse) ist es heute um eine Variante reicher: Es gibt ein warmes, hartgekochtes Ei. Die Kaffeequalität hat sich leider nicht wesentlich verändert, er schmeckt immer noch nach einer Mixtur aus Kaffeebohnen, Malzkaffee, Heublumen und Zigore. Aber er ist schön dunkel und warm. Die ersten steigen auf Tee um und behaupten, dass der Tee wunderbar schmeckt. So ein Frühstück kostet ca. 1.500 Rubel, was knapp 1,50 DM entspricht.

In der Hotelhalle im dritten Stock treffen wir uns anschließend mit dem Zoll. Der junge Mann macht einen vernünftigen Eindruck. Trotz allem gibt es wie immer eine riesige Diskussion und ein endloses Palaver. Swetlana II von der Stiftung „Kinder von Tschernobyl“ ist mit Schreibmaschine und den erforderlichen Papieren erschienen, so dass die Zollabfertigung relativ schnell vorbei ist.

Die Zollabfertigung

Ein kleines Geschenk an den Zöllner, welches aber nicht erforderlich oder notwendig war, beschleunigte die Zollabfertigung im Hotel. Ein Problem lässt sich dabei nicht lösen: nämlich dass wir zwei Frachtbriefe für Mogiljow haben und einen für Minsk, dass aber 1 ½ Lkw für Minsk bestimmt sind und 1 ½ für Mogiljow und Sokolowka. Daher heißt es, mit dem Lkw, welcher halb/halb geladen ist, in das Lager der Stiftung zu fahren, um die Lieferung dort für Minsk einzulagern, damit wir sie abholen können, sobald der Lkw, der in Minsk verbleibt, entladen ist.

Der Zöllner ist mit im Lager anwesend und überzeugt sich dort von dem Inhalt des Lkws, nachdem er vorher noch beim Hotel kurz einen Blick in den Mercedes- und Schuon-Lkw geworfen hatte. Alles geht problemlos vonstatten. Nachdem die Minsker Lieferung im Lager ist, wird der Rest wieder auf den Volvo der Spedition Blum aus Salzstetten aufgeladen und vom Zöllner verplombt – alles muss seine Richtigkeit haben.

Dieses Be- und Entladen der Fahrzeuge dauert relativ lang, da wir nicht über eine Laderampe ebenerdig abladen konnten. Es ging drei Treppen nach unten in einen alten Luftschutzbunker. Dieser Luftschutzbunker liegt irgendwo am Stadtrand. Er ist arttypisch: mit zwei mindestens 10 cm dicken Stahltüren gesichert und zusätzlich noch mit einer Metalltür mit einer Art Pförtnerloge. Die Luft ist stickig und verbraucht, da die Ventilatoren nicht in Betrieb sind. Etwas unordentlich ist das Lager, aber vom Grundsatz her kann man sagen, es ist in Ordnung.

Nachdem alles verladen und die Zollformalitäten endgültig abgeschlossen waren gab es Kaffee. Er war zwar gut, aber die Luft wurde immer schlechter, so dass wir uns nicht mehr lange aufhielten.

Weiter ging es dann zur nächsten Tankstelle – Entfernung rein gefühlsmäßig 10 bis 15 km – um die Lkws zu betanken.

Man muss sich vorstellen, dass diese Tankstelle ungefähr die Ausmaße einer Autobahntankstelle bei uns hat, aber welch erbärmlicher Zustand!

Wir waren die einzigsten Kunden! Wenn man bedenkt, dass es in Minsk vielleicht nur diese oder maximal noch eine oder zwei andere Tankstellen gibt, kann man erkennen, wie wenig die Minsker mit ihren Autos fahren. Swetlana erzählt uns, dass aufgrund der rückläufigen Einkommen und der Inflation die Autos monatelang nicht bewegt werden, weil sie sich den Sprit nicht mehr leisten können. Tatsächlich sind auf den Straßen kaum mehr Fahrzeuge unterwegs als in Pfalzgrafenweiler. Wenn auf den breiten Stadtautobahnen mehr als 20 Fahrzeuge vor einer Ampel stehen, die es in Hülle und Fülle gibt, dann ist dies schon sehr viel.

Die Umgebung der Zapfsäule ist nur mit Gummistiefeln begehbar, da alles voll mit Dieselöl ist. Es besteht akute Rutschgefahr!

An der Tankstelle helfen uns einige Jugendliche. Sie erklären so nebenbei, dass wir bei ihnen den Sprit wesentlich preisgünstiger bekommen hätten. Vermutlich handelt es sich um Jugendliche, die auf dem Schwarzmarkt gestohlenen Diesel in Kanistern beziehen und dann entsprechend weiterveräußern.

Die Tankerei dauert relativ lange, obwohl wir mit unseren drei Lkws und dem VW-Bully die einzigsten Kunden während der ganzen Zeit sind. Jedes Mal, wenn eines der Fahrzeuge voll ist, muss man für das nächste wieder den Sprit beim Tankwart bestellen. Dieser ist etwas begriffsstutzig, denn bei einem Fahrzeug haben wir etwas zuviel angegeben, sadaß wir gar nicht alles abnehmen konnten. So etwas ist ihm sicherlich noch nie vorgekommen. Vermutlich verkauft er als Höchstmenge 10 oder im Extremfall 20 Liter Diesel. Dass jemand mehrere Hundert Liter auf einmal abnimmt, ist für ihn bestimmt ein Wunder.

Anschließend sitzen wir im Hotel noch einige Zeit zusammen und besprechen den abgelaufenen Tag.


Heute ist also unser erster Arbeitstag und der Tag, an welchem sich die beiden Gruppen Minsk bzw. Mogiljow trennen.

Um 8.30 Uhr ist die Abfahrt angesetzt, d.h. mindestens eine Stunde früher aufstehen und das begehrte Frühstück einnehmen.

Die beiden Begleiter von der Stiftung, Nikolaj und Swetlana, sind sehr pünktlich. Swetlana mit 20 und Nikolaj mit 30 Minuten Verspätung.

Unser erstes Ziel ist das Kinderkrankenhaus Nr. 1, das wir mit allen drei Lkws besuchen, weil wir die ersten Auslieferungen gemeinsam machen wollen, obwohl die Ladung im Moment nur aus dem Mercedes Lkw verteilt wird. Zusammen auch deshalb, um sich unterwegs zu trennen. Die Gruppe Mogiljow möchte auf alle Fälle im Kinderkrankenhaus 1 dabeisein. 

Wir laden dort Geräte des Krankenhauses Freudenstadt ab, die verschiedensten     Arzneimittel, welche wir in ziemlich großem Umfang bei uns haben und Verbandsmaterial. Es kommt eine ganze Menge zusammen.

Im Kinderkrankenhaus Nr. 1 sind Kinder zwischen fünf und fünfzehn Jahren mit Störungen des zentralen Nervensystems untergebracht. Es wird zwar von Kinderlähmung gesprochen, diese hat aber ein ganz anderes Erscheinungsbild. Diese Kinder sind motorisch gestört und wie die Ärztin sagt, ist dies von Geburt an so. Mit Tschernobyl hat dies nichts zu tun, so wird uns gesagt. Dies ist einerseits glaubhaft, wenn man die Einwohnerzahl von Minsk in das Verhältnis mit den hier untergebrachten Kindern betrachtet, andererseits ist es aber auch unverständlich, wenn von Kinderlähmung gesprochen wird.

Nach dem Abladen besuchen wir die Kinder in ihren Zimmern.

Die Zimmergröße ist sehr unterschiedlich, aber weniger als drei und mehr als zehn Betten sind nicht darin. Alles ist eng. Schlechte Luft, weil die Fenster schon seit Jahren nicht mehr geöffnet waren. Hinsichtlich der Hygiene wären einige Verbesserungen denkbar.

Die Kinder nehmen unsere Geschenke dankbar entgegen. Wir stellen fest, dass verschiedene Kinder sehr lange im Krankenhaus sind da Lehrer anwesend sind welche die Kinder unterrichten. Bei dieser unheilbaren Krankheit ist dies auch notwendig. Die Frage ist nur (sie kann nicht beantwortet werden), wo bleiben dann später diese motorisch gestörten Kinder?

Schulunterricht im Krankenhaus Nr. 1

Das Verteilen der Geschenke dauert relativ lang, weil versucht wird, jedem Kind in etwa den gleichen Wert zu geben, die Spielsachen aber von der Größe und Qualität sehr unterschiedlich sind. Anschließend werden wir vom Krankenhaus zu einem Mittagessen eingeladen. Es gibt Suppe und belegte Brote.

Nach getaner Arbeit gabs ein Mittagessen im Krankenhaus Nr. 1 (Bortsch und Brot), das Bier brachten wir mit.

Anschließend geht´s zum Roten Kreuz in der Karl-Marx-Straße. Wir laden dort überwiegend Kleidung ab. Man merkt, dass die Leute des Roten Kreuzes  sehr dankbar für die Spenden sind.

Das Rote Kreuz in Minsk existiert als selbständige Organisation erst seit wenigen Jahren und wird in erster Linie mit Unterstützung des Landes Niedersachsen aufgebaut. Schirmherrin ist die Frau des Ministerpräsidenten Schröder. Man erzählt uns von den Schwierigkeiten und Problemen des Roten Kreuzes, dass z.B. jedes wertvolle Geschenk das sie bekommen – sei dies nun ein Fahrzeug, ein Fernseher u.dgl. -, für sie eigentlich nicht annehmbar ist, da der Staat hierfür die üblichen Steuern, das sind zwischen 40 und 60%, verlangt. D.h. sie sind nicht in der Lage, diese Steuern zu bezahlen, so dass diese Geschenke nur dann von ihnen angenommen werden können, wenn der Spender gleichzeitig zum Wert auch noch die Steuer übernimmt. Alle Versuche des Roten Kreuzes – sowohl des Deutschen wie des Internationalen Roten Kreuzes – daran etwas zu ändern, seinen bisher gescheitet.

Dies bedeutet, dass der Aufbau eines eigenen Roten Kreuzes, solange dies nicht als gemeinnützig in unserem Sinne anerkannt ist, sehr sehr problematisch ist und von vielen Zufällen und Unwägbarkeiten hinsichtlich der staatlichen Bürokratie und des staatlichen Wohlwollens abhängt. So kann der Staat natürlich eine gemeinnützige Hilfsorganisation bewusst von vornherein abwürgen, obwohl er eigentlich froh sein müsste, wenn er für diese Dinge nicht mehr verantwortlich zu zeichnen hat. Aber möglicherweise geht es ja nur um den Einfluss verschiedener Parteifunktionäre.

Eine weitere Möglichkeit ist natürlich, dass der Staat sich sagt, solange das Ausland das Rote Kreuz materiell unterstützt, ist das Ausland auch bereit und in der Lage, die Steuern – d.h. den Staat – mit zu unterstützen. Man muss einfach sehen, dass die sozialistisch geschulten Gedankengänge von uns nicht nachvollzogen werden können.

Die Zentrale in der Karl-Marx-Straße ist zuständig für das ganze Stadtgebiet von Minsk. Sie besteht aus zwei Büroräumen. Ein DRK-Kreisverein ist dagegen eine wahre Augenweide hinsichtlich der Büroeinrichtung und Kommunikationsmöglichkeiten. Das Stadtgebiet ist in über 100 regionale Sektionen gegliedert, ähnlich der Ortsvereine bei uns. Es wird uns zugesichert, dass diese Ortsvereine benachrichtigt werden und dass jeder, der sich meldet, je nach Anzahl der Interessenten anteilmäßig von unseren Spenden erhält. Rein zufällig können wir uns Tage später über die Wahrheit dieser Aussage informieren, da wir in einem Geschäft schräg gegenüber etwas zu erledigen haben bzw. Uwe beim BRK einige Bilder kauft.

Die Damen und Herren des Roten Kreuzes machen einen soliden Eindruck. Wir sind sicher, dass unsere Spenden dort gut aufgehoben sind und dass sie gerecht verteilt werden, zumindest bis zu den einzelnen Ortsvereinen. Was dann dort geschieht – wer weiß es?

Nach dieser Station wollten wir uns trennen. Von der Gruppe Mogiljow wird allerdings vorgeschlagen, dass wir noch gemeinsam ein Kaufhaus besichtigen sollten, da sie hierzu nach ihrer Rückkehr möglicherweise keine Gelegenheit mehr haben werden. Auch sollte noch etwas Geld gewechselt werden.

Also, über der Straße ist ein größeres Kaufhaus das wir nun besichtigen wollen. In der Straßenunterführung (man beachte: Verkehr maximal wie in Pfalzgrafenweiler, Straßen wie in New York  und Verkehrsunterführungen an fast jeder größeren Kreuzung) ist eine Wechselstube, auch haben sich dort verschiedene Blumenverkäufer einen Stand eingerichtet. Die Unterführungen sind nicht gefliest oder gekachelt, sondern Beton, der durch die Abgase schwarz und unansehnlich ist. Die Wechselstube hat noch geschlossen, Swetlana kennt im Kaufhaus eine andere, so dass wir beschließen, dorthin zu gehen. Auch diese Wechselstube ist geschlossen. Bei unserer Begleitung entsteht etwas Nervosität, da sie den Eindruck hat, es muss um alles in der Welt getauscht werden. Also spurtet Nikolaj zu einer weiteren Wechselstube und kommt nach geraumer Zeit zurück mit dem Bemerken, diese öffne in wenigen Minuten, wir sollten dorthin gehen. Da aber allein das Aufsuchen der Wechselstuben jetzt schon eine Stunde verbraucht hat, kommen wir zu der Überzeugung, dass wir auch irgendwo anders zu Geld kommen können und beschließen, unseren Kaufhausbummel hiermit abzubrechen, obwohl wir das Kaufhaus noch nicht einmal betreten hatten. Nikolaj und Swetlana stehen relativ ratlos da, denn diese deutsche Hektik ist ihnen unverständlich.

Also gehts zurück zu den Fahrzeugen und das große Winken beginnt, denn nur noch Manfred Ferch, Anton Buck, Uwe Ade und ich bleiben in Minsk zurück, der Rest macht sich auf nach Mogiljow. Wobei ich in manchen Gesichtern durchaus erkennen kann, dass sie lieber bei uns in Minsk geblieben wären. Doch nach Mogiljow fahren der große Schuon-Lkw, der kleine Volvo aus Salzstetten sowie die Mannschaft aus Baisingen, d.h. dort werden mehr Arbeitskräfte benötigt als bei uns.

Wir fahren zurück zum Lager der Stiftung, da ja zwischenzeitlich Platz im Mercedes ist und schleppen einen Großteil der Pakete wieder aus dem Bunker nach oben. Eine schweißtreibende Angelegenheit!

Nahdem diese vollbracht ist und auch noch ein Kaffee getrunken wurde, geht es weiter.

Zwischenzeitlich hat Swetlana über die Stiftung einen Adressaten für den Brutkasten gefunden, nämlich das Krankenhaus Nr. 6. Wir fahren los und versuchen dieses Krankenhaus zu finden. Nicht ganz einfach denn Swetlana ist nicht übermäßig ortskundig, was nachvollziehbar ist, da sie ja üblicherweise mit der Straßenbahn unterwegs ist und nicht mit einem Fahrzeug. Sie kennt daher die Abzweigungen und Kreuzungen nicht. Auch begleitet sie im Jahr i.d.R. nur eine oder zwei Hilfsgruppen.

Uns begleitet sie aus zwei Gründen: einmal weil sie die Gruppe Baisingen schon kennt und zum anderen weil sie Zwangsurlaub hat, d.h. die Akademie der Wissenschaften schickt ihre Mitarbeiter für einen Monat in Zwangsurlaub weil sie die Gehälter nicht bezahlen kann und andererseits kein Personal abgebaut werden soll.

Nach einigem Hin und Her und der Hilfe von Passanten kommen wir in die Nähe des Krankenhausens. Ein hilfsbereiter Mensch fährt mit, um uns den Zugang zu zeigen. Es ist schon verwunderlich, wo dieses Krankenhaus sein soll.

Zunächst einmal geht es über einen Fußweg durch einen tiefen Graben immer einem großen Zaun entlang und plötzlich stehen wir vor einem Fußgängereingang im Zaun, mitten auf der grünen Wiese. Wir gehen zu Fuß zum Krankenhaus und treffen dort sehr freundliche Krankenschwestern, welche mit uns zum Lkw zurückgehen. Es heißt Wenden auf der Wiese, den Fußweg zurück und siehe da – das Krankenhaus hat einen ganz ordenlichen Zugang,  sodaß wir bis an den Haupteingang der Säuglingsabteilung fahren können.

Das Krankenhaus ist neu und seit drei Monaten in Betrieb. Der optische Eindruck täuscht, nach diesem muss man von zehn Jahren Betriebszeit ausgehen, denn die verschiedenen Baumängel sind offensichtlich, was den Eindruck vermittelt, dass es sich um Alterungsschäden handelt.

Die Chefärztin der Abteilung begrüßt uns herzlich und aufrichtig, zumal wir der erste Hilfstransport für diese Abteilung sind. Auch beim Abladen hilft uns das Personal ohne Widerrede und mit großer Freude, so dass wir sehr schnell fertig sind. Nun steht also der Freudenstädter Brutkasten im Krankenhaus Nr. 6 der Stadt Minsk. Auch das schöne Obst, Orangen und Äpfel aus Freudenstadt, welche uns Hans Ziegler besorgt hat, sind hier an der richtigen Stelle.

Unserem Wunsch, auch den Wöchnerinnen ein Geschenk geben zu dürfen, wird selbstverständlich entsprochen. Also hygienisch weiße Kittel überziehen und los geht’s! Im ersten Zimmer welches wir besichtigen, sind zwei Mütter untergebracht, im nächsten ebenso und im dritten ist eine Wöchnerin. Wir haben das Gefühl, dass wir sehr willkommen sind, die jungen Mütter freuen sich auch über unseren Besuch. Wir empfinden uns aber doch als Störenfriede, denn es ist so, daß zunächst die Schwester in das Zimmer geht, die Frauen sich anziehen müssen und wir dann die Geschenke verteilen können. Dies ist uns peinlich und unangenehm.

Da wir für jede Mutter dasselbe Geschenk der Kreissparkasse Pfalzgrafenweiler haben, kommen wir zum Ergebnis, jetzt reicht die Verteilerei; wir lassen die Dinge da und die Schwestern mögen so freundlich sein, jeder Mutter eines dieser Tierchen zu überreichen, zumal es ja keine Probleme gibt, gerecht zu verteilen, da alle gleich sind. Dieses wird uns von der Chefärztin und den Krankenschwestern zugesagt, so dass wir das Krankenhaus verlassen, begleitet von einem von Herzen kommenden Dankeschön des Personals.

Plüschtiere der Kreissparkasse Freudenstadt-Pfalzgrafenweiler für die Kinder im Krankenhaus Nr. 6 in Minsk.

Wenn man die Krankenhäuser Nr. 1 und 6 vergleicht, muss man feststellen, dass es sicherlich eine wohltuende Sache ist, ins Krankenhaus Nr. 6 zu müssen und nicht ins Krankenhaus Nr. 1. Geräumige Zweibettzimmer sind eben doch etwas anderes als enge Sechs- oder Zehnbettzimmer, zumal in den Zimmern eine Waschgelegenheit besteht und die Fenster (noch) geöffnet werden können.

Da wir recht schnell fertig wurden, beschließen wir, noch eine Waisenfamilie zu besuchen.

Wir fahren ins Neubaugebiet, in welchem lauter sechs bis zehnstöckige Häuser auf engstem Raume zusammenstehen. Ich kann nicht abschätzen, wie viel Menschen in dieser Siedlung leben, aber es müssen Zigtausende sein.

Alles macht einem sauberen und gepflegten Eindruck. Die Häuser stehen in einem großen Quadrat entlang der Straße. Durch einen Torbogen fahren wir in den Innenbereich ein und plötzlich verändert sich die Situation, denn in diesem großen Quadrat stehen im Innenhof weitere riesige Wohngebäude. Zwischen diesen Gebäuden waren sicherlich einmal Rasen und Grünanlagen. Da aber die vielen, vielen Kinder allen Alters diesen Innenraum auch als Spiel- und Freiplatz benötigen (da die Wohnungen sehr klein sind), wächst kein Gräschen mehr.

Auf mich machen die vielen Kinder und Jugendlichen einen bedrohlichen Eindruck und ich muss sagen, dass eine Asozialensiedlung bei uns wirklich eine schöne und gepflegte Sache ist. Hier liegt m.E. ein riesiger sozialer Sprengstoff, denn ich kann mir vorstellen, dass diese Leute für Propagandisten, welche eine bessere Zukunft versprechen, ohne zu überlegen ansprechbar sind und diesem Diktator und Großsprecher nachlaufen werden, Hauptsache, es gibt eine bessere Zukunft – nach dem Motto: eine Flasche Wodka in die linke, ein Gewehr in die rechte Hand und wir erobern die Welt.

Wir finden den Hauseingang zur Waisenhausfamilie und machen uns schnell (denn den anderen geht es hinsichtlich der Bedrohlichkeit der Situation ähnlich wie mir) an das Ausladen und verrammeln die Fahrzeuge. Über den funktionierenden Aufzug transportieren wir die Geschenke nach oben in den 4. oder 5. Stock.

Es leben dort zwei Frauen mit den Waisenkindern. Eine davon erklärt uns die Situation. Soweit ich verstehen, hat diese Frau sieben Waisenkinder bei sich aufgenommen und die andere fünf. Dazu gibt es noch zwei Hunde und zwei Katzen, und das alles in fünf Zimmern.

Die Frau erzählt uns, dass sie Erzieherin war und sich aufgrund der rückgängigen Arbeitsplätze für diese Waisenhausfamilie entschieden hat, da sie aus der Verwandtschaft schon ein Kind aufgenommen hatte und auch wegen dieses Kindes ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen konnte. Die Kinder sind entweder Waisen oder aber solche Kinder, deren Eltern das Sorgerecht wegen Alkoholismus, Krankheit o. dgl. entzogen ist. Der Staat bezahlt umgerechnet pro Person den Mindestlohn, was z.Zt. ca. 15,00 $ sind, bei insgesamt 14 Personen sind dies dann rund 360,00 DM. Das Geld sei nach rund einem halben Monat zu Ende und es herrsche große Not.


Ein neuer Tag beginnt, was wird er bringen?

Schon beim Frühstück sind wir uns darüber einig, dass wir in Minsk keine Waisenfamilien mehr in diesen riesigen Wohnblöcken besuchen werden, da wir befürchten, dass entweder unsere Fahrzeuge oder wir Schaden nehmen könnten.

Nachdem Swetlana eingetroffen ist, machen wir zunächst einen Bummel durch das größte Kaufhaus in Minsk, welches sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu unserem Hotel befindet. Dieses Kaufhaus hat vielleicht eine Grundfläche von 1.500 m² und ist fünfstöckig gebaut. In den unteren vier Geschossen sind die Waren in Rubel, im fünften Stockwerk in Dollar ausgezeichnet. Das Warenangebot ist gut, es ist in erster Linie auf Westwaren ausgerichtet, aber auch sehr viele einheimische Produkte sind zu finden. Im Prinzip wird alles angeboten, allerdings in kleinen Mengen und kleiner Auswahl.

Swetlana sagt, dass dieses Kaufhaus früher voll mit Kunden war, wir haben aber heute genügend Platz, da im gesamten Kaufhaus nicht mehr Menschen sind als am Freitagnachmittag im Pfannkuch in Pfalzgrafenweiler. Der Rückgang an Kundschaft hängt wiederum mit der Inflation und dem damit geringer werdenden Einkommen der Bevölkerung zusammen. Dieses war vor rund vier Jahren viermal so hoch wie heute.

Als unbedachter Urlauber müsste man eigentlich beim Anblick dieses Kaufhauses zum Ergebnis kommen, den Menschen in Weißrussland geht es gut, denn alles ist zu kaufen. Aber bei näherem Hinsehen stellt man eben fest, dass die Dinge oft nicht bezahlbar sind. ZB: Ein Stück Seife bzw. ein Haarschampon kosten eine Tageslohn. Ein Taschenrechner, wie er bei uns als Werbegeschenk verkauft wird, kostet ungefähr einen halben Monatslohn. Relativ billig dagegen ist ein Fernseher, der schon um vier Monatslöhne zu haben ist. Aber auch ein Fahrrad ohne Beleuchtung, billigste Ausführung, kostet einen Monatslohn.

D.h. die Dinge sind sehr teuer und nur von einer kleinen „Crèm de la Crèm bezahlbar. Sicherlich gibt es in der Stadt auch Geschäfte, die einheimische Produkte zu günstigeren Preisen anbieten, was wir z.B. später auch auf dem Markt sehen konnten. Trotzdem – es ist für uns unvorstellbar unter diesen Bedingungen eine Familie zu ernähren; man muss dazu schon geboren und erzogen sein, um dieses als Normalität zu sehen.

Dass dies auch hier nicht so ist, zeigen die rückläufigen Einkommensverhältnisse der Bevölkerung. Dies wird sicherlich nicht die Reformkräfte stärken, sondern eher die Altkommunisten und Neusozialisten, die aus der kommunistischen Partei kommen, denn diese können ja drauf hinweisen „Früher war alles besser und vor allem: früher war alles sicherer“, denn niemand in Minsk getraut sich nachts allein auf die Straße.

Nach diesem Kaufhausbummel fahren wir ins Zentrum der Stadt, wiederum in die Nähe des Stadions, denn wir wollen dort ein Antiquitätengeschäft besuchen, da Manfred und Anton einen Samowar kaufen wollen. Da Manfred das Geschäft nicht sofort findet, klappern wir verschieden ähnliche Geschäft ab.

Antiquitätengeschäft in unserem Sinne ist falsch ausgedrückt. Es handelt sich bei diesen Geschäften nicht um Antiquitätengeschäfte, sondern um Läden, bei denen die Leute gute, neuwertige oder antiquarische Dinge in Kommission geben, damit sie dort verkauft werden können. Bei uns würde man evtl. An- und Verkauf sagen.

In dem einen Geschäft gibt es gebrauchte Bücher, im anderen Elektrogeräte, Fotoapparate u.dgl., aber nicht die gewünschten Samoware und – wie Manfred sagte – auch schöne Wanduhren. Aber wir finden seinen Laden! Dort sind tatsächlich alte Taschenuhren, Wanduhren, alte Aktien, Geldscheine, Samoware, Bilder usw. im Angebot. Es ist schwer, das Richtige zu finden. Manfred und Anton suchen ihren Samowar, ich bzw. Uwe interessieren uns für die Taschenuhren. Da aber diese Uhren zwar sehr alt sind, aber auch schon sehr abgenützt – also nach meinem Verständnis kaum noch Sammlerwert haben, obwohl sie 100 oder 200 Jahre alt sind – kann ich mich zu einem Kauf nicht entschließen, zumal die Preise immerhin zwischen 200,-- und 400,-- DM liegen.

Solange Manfred und Anton ihren Samowar suchen, finde ich dann doch nach einiger Zeit etwas passendes, es ist zwar kein Geschenk für meine Frau wie es vorgesehen war, sondern für mich selber, nämlich eine original handgemachte Moskauer Armbanduhr, welche in einer limitierten Auflage von 5.000 Stück anlässlich der 500 jährigen Entdeckung Amerikas durch Columbus angefertigt wurde. Ein schönes und vor allem seltenes Stück.

Als nächstes Geschäft besuchen wir ein Leinengeschäft, in dem wunderbare Tischdecken u.dgl. angeboten werden. Leider finde ich keine runde Tischdecke bzw. keine, die den Maßen unseres Tisches entspricht, so dass ich auch dort nichts kaufe.

Zwischenzeitlich ist es Mittag geworden und es wird Zeit, unsere restlichen Aufgaben zu erfüllen. Wir fahren zu einem Waisenhaus in Rudensk und wollen anschließend noch auf dem Lande zwei Waisenfamilien besuchen. Um 18.00 Uhr sind wir bei Swetlana II zum Abendessen eingeladen.

Kurz vor dem Ziel tanken wir noch an einer überraschend sauberen und ordentlichen Tankstelle, bei welcher sogar die Preise ausgezeichnet sind. Zwar sind von den rund 15 Zapfsäulen nur zwei betriebsbereit, aber auch hier sind wir die einzigsten Kunden, so dass wir in aller Ruhe tanken können, denn Zeit und Ruhe beim Tanken braucht man auch hier.

Anschließend treffen wir beim Waisenhaus ein. Dieses Waisenhaus ist eigentlich mehr eine Internatsschule für Waisen, Halbwaisen und Kinder, die dem Sorgerecht der Eltern entzogen wurden, also alles sozial- bzw. milieugeschädigte Kinder im Grund- und Hauptschulalter. Jüngere Kinder werden nicht aufgenommen, da diese Einrichtung in erster Linie als Schule geführt wird.

Das Gebäude ist sehr sauber, sehr ordentlich; ja man kann sogar sagen, erschreckend ordentlich. Man müsste hinter die Kulissen sehen, aber das Wenige, was wir sehen können, bringt mich zu der Überzeugung, dass hier ein sehr straffes, militärisches Regime herrscht, welches sicher nicht immer ganz kindgerecht ist. Aber wenn ich es ins Verhältnis setze zu dem, was wir in der Waisenfamilie gesehen haben, meine ich fast, dass hier Kinder erzogen werden, die möglicherweise Schwierigkeiten haben  werden, nach ihrer Schulentlassung selbständig zu sein; andererseits sicherlich aber Ordnung, Disziplin, Arbeitswillen und einen Selbstbehauptungswillen haben werden, was ich bei den anderen Kindern bezweifle.

Wir werden vom Direktor und seinen beiden Stellvertreterinnen empfangen und über das Wesen und die Art der Schule informiert. Der Direktor erläutert, dass die Kinder hier die Schule besuchen und dass daneben eine große Landwirtschaft aufgebaut wurde, um autark zu sein, d.h. um sich selber versorgen zu können und natürlich auch, um neben den schulischen Belangen die Arbeitswelt frühzeitig zu erfahren.

Der Direktor sagt uns, daß schon seit langer Zeit kein Hilfstransport mehr hier war und dass alle sehr dankbar für alles sind, was wir bringen. Auf meine etwas entschuldigende Aussage, dass wir nicht gezielt für dieses Heim gepackt haben und sicherlich Dinge, die hier benötigt werden, auf einem der anderen Lkws sein könnten, meint er nur lakonisch: „Wir sind Ihnen für alles dankbar, was Sie uns bringen, denn alles können wir gebrauchen“. Nach diesen klärenden Worten gehen wir zu unserem Lkw und entladen diesen bis auf die Geschenke für die Waisenfamilien. Bei 160 Kindern und rund 100 Mitarbeitern ist das, was wir abladen, sicherlich nicht übermäßig viel; aber bei den Kindern, die uns helfen, sieht man offensichtlich die Freude darüber, dass sie etwas bekommen.

Noch sind die Kinder skeptisch über die Hilfslieferung aus Deutschland. Sie helfen aber fleißig mit.

Wir laden überwiegend Kleidung, Schuhe und Lebensmittel ab. Da die Kinder mit Feuereifer bei der Sache sind, ist schnell abgeladen. Wir machen noch einen Rundgang durch das Gebäude, sehen in das eine oder andere Klassenzimmer, können die Küche, die blitzsauber ist, besichtigen und werden dann noch zu einem Abendessen eingeladen, welches zumindest mir hervorragend schmeckte (es ist auch mal schön zu sehen, dass jemand anderes keinen Appetit hat). Die drei obligatorischen Wodkas übernimmt für mich freundlicherweise Manfred, da ich ja noch fahren muss.

Es ist spät geworden, so dass wir relativ überstürzt die Heimfahrt antreten. Unterwegs machen wir noch einen Fototermin bei einer Fabrik, die ein großes Denkmal aus Hammer und Sichel ziert.

Wir merken, dass, wenn wir um 18.00 Uhr noch zu Swetlana kommen wollen, wir uns beeilen und den Besuch bei den Waisenfamilien ausfallen lassen müssen. Deshalb beschließen wir, diese Pakete am nächsten Tag in das Lager der Stiftung zu bringen und sind sicher, dass sie richtig verwendet werden.

Es wird dann aber immerhin 19.00 Uhr, bis wir bei Swetlana II eintreffen. Sie hat – wie wir so am Rande erfahren – schon geglaubt, wir kämen nicht mehr und den Tisch wieder abgeräumt. Trotzdem wird es ein netter und gemütlicher Abend, bei welchem viele Informationen ausgetauscht werden können. Leider sind wir vier keine Musikanten; aus diesem Grinde können wir keine Lieder zum Besten geben, was den Ehemann von Swetlana etwas enttäuscht. Er auf alle Fälle holt seine Gitarre und singt uns einige belarussische Volkslieder.

Alles in allem ein schöner Abend. Reichlich spät verabschieden wir uns und fahren mit der Taxe Richtung Hotel, nicht ohne unterwegs Swetlana I vor ihrer Haustüre abgesetzt zu haben, denn wie gesagt, wir merken, dass die Leute sich in Minsk nicht trauen, nachts alleine auf die Straße zu gehen.


Unsere Hilfsfahrt nähert sich langsam dem Ende. Heute ist unser letzter Arbeitstag, denn wir haben ja nur noch Pakete für die Waisenfamilien im Fahrzeug, da wir gestern nicht mehr dazukamen, diese zu verteilen. Wir wollen diese jetzt nicht ausfahren, sondern ins Lager der Stiftung bringen. Damit wollen wir zuwarten, bis die Gruppe Mogiljow zurück ist, da diese möglicherweise auch noch dorthin muss.

Nachdem Svetlana eingetroffen ist, fahren wir zuerst zum Markt . Dieser ist sehr groß und im Gegensatz zu dem Westwarenmarkt beim Stadion ein typischer Einkaufsmarkt für die einheimische Bevölkerung. Es gibt Kleidung, Lebensmittel und alles , was das Herz begehrt. Allerdings in wesentlich weniger guter Qualität bzw. Aussehen und vor allem zu niedrigeren Preisen.

An einem langen Stand von kleinen, privaten Verkaufsbuden vorbei führt der Weg durch überdachte Marktstände, in welchen die ländliche Bevölkerung ihre Eigenerzeugnisse verkauft. Sehr viele arm und – nach unseren Verhältnissen – schäbig gekleidete Menschen verkaufen dort Kartoffeln, Rüben und was eben gerade auf den Feldern reif ist. In einer anschließenden großen, städtischen Markthalle gibt es Fleisch, Brotwaren, aber auch Textilien u dgl..

Dieser Markt ist sehr beeindruckend, das Fotografieren relativ problematisch, weil verschiedene Leute uns daran behindern wollen, da sie glauben, dass wir uns an der Armut ergötzen und uns über die armen Menschen vielleicht zuhause bei Dia-Vorträgen usw. lustig machen wollen. Es kommt zu verschiedenen Auseinandersetzungen, die aber von Swetlana sofort geklärt werden können. Swetlana bittet uns, nur dann zu fotografieren wenn Sie in unmittelbarer Nähe ist, um Konfrontationen von vornherein beseitigen zu können.

Anschließend fahren wir in ein typisches Dorf, damit wir noch einige Fotos über die Lebensbedingungen auf dem Land machen können. Dies ist Uwes Wunsch. Für uns andere ist dies nicht so wichtig, da wir bereits bei früheren Fahrten diese Dörfer gesehen haben.

Kleinbauern fahren noch mit Pferdefuhrwerken (falls sie es sich leisten können).

Man kann auch aus Schrott ein interessantes Spielzeug basteln!

Nach diesem Fototermin fahren wieder in die Stadt zurück. Unterwegs besuchen wir noch einen Friedhof. Was wir nicht wussten ist die Tatsache, dass dies der Ehrenfriedhof für große Persönlichkeiten aus Minsk bzw. Weißrussland ist. Große Dichter und Denker sind hier beerdigt, Helden der Sowjetunion u. ggl. Es ist überraschend, mit welchem Prunk und Pomp diese Ehrengräber angelegt sind. Die übrigen Gräber der Normalbürger sind angelegt wie auf jedem anderen Friedhof auch.Ehrenfriedhof bei Minsk

Weiter geht es in Richtung Minsk.

Es ist sehr schwierig, auf den breiten Straßen alle Fußgängerampeln zu sehen, insbesondere wenn man drei- oder vierspurig fährt. Im letzten Moment sehe ich, dass eine dieser Ampeln rot ist. Da aber meine Nebenleute ebenfalls weiterfahren, lasse ich mich durch diese Ampeln nicht aufhalten. Prompt werden wir von der Miliz gestoppt.

„Dokumente!“

Ich suche und es fällt mir siedend heiß ein, dass sie in meiner Fototasche sind, welche ich im Hotel zurückgelassen habe um nicht allzu viel mitschleppen zu müssen. Swetlana gelingt es, den Milizionären klar zu machen, dass sie uns weiterfahren lassen sollen. Ich höre nur „Hotel“, „Taxi“, was bedeuten könnte, wir sollen ein Taxi nehmen, die Papiere holen und wieder zurückkommen, was natürlich sehr zeitraubend gewesen wäre. So hat uns Swetlana schon zum zweiten Mal bei der Polizei aus der Klemme gehauen, nachdem wir tags zuvor von der Polizei gestoppt wurden, da wir in einer 40 km-Zone mit über 60 km/h gefahren waren. Dort konnte sie den Polizisten erklären, daß wir als Ausländer die Verkehrszeichen nicht lesen können und dass eigentlich sie uns hätte sagen müssen, dass man hier nur mit 40 km/h fahren kann. Sie habe aber das Schild nicht gesehen. Zum Glück wusste wohl die Polizei nicht, dass die Zahlen im restlichen Europa wie in Russland geschrieben werden!

Nach diesem etwas unangenehmen Zwischenhalt ging es weiter Richtung Stadt. Prompt wurden wir wieder von der Polizei herausgewunken. Keiner war sich einer Schuld bewusst, so dass Swetlana relativ unbefangen zum Polizisten gehen konnte. Er störte sich an den montierten Blaulichtern, sah dann aber wohl ein, dass ein Rot-Kreuz-Fahrzeug mit solchen ausgestattet ist, also durften wir weiter.

Dreimal waren wir also nun in einer Polizeikontrolle und ich bin überzeugt davon, dass nur die einheimische Begleiterin dafür verantwortlich ist, dass wir nicht erheblich zur Kasse gebeten wurden. Schließlich und endlich könnte ich mir vorstellen, dass die Polizei ein klein wenig auf Devisen aus war.

Weiter ging es zum Markt, wo Uwe und Anton noch ein paar Zigaretten kaufen wollten, da diese wesentlich billiger sind wie bei uns zuhause. Eine Stunde lang dauerte es, bis sie wieder mit ihren Zigaretten zurückkamen, denn sie versuchten die billigsten ihrer Lieblingssorte zu bekommen und die Preise waren tatsächlich unterschiedlich. So fanden sie dann Zigaretten, die unter 1,00 DM je Schachtel kosteten und haben entsprechend eingekauft. Wir lästerten natürlich, dass wegen ein paar Pfennigen eine ganze Stunde notwendig war und dass der Zoll sicherlich seine wahre Freude haben werde, wenn er diese Zigaretten findet. Manfred und ich waren nämlich im Auto geblieben, weil wir glaubten, die beiden kämen sofort wieder zurück.

Neugierige Kinder bei der Markthalle in Minsk

Vom Markt aus fuhren wir noch zum Roten Kreuz, weil Uwe dort einige Bilder bestellt hatte und diese zunächst zollfertig gemacht werden mussten, d.h. Begleitpapiere und Fotografien, damit sichergestellt war, dass wir keine Antiquitäten außer Landes schafften. Das Rote Kreuz hatte nämlich Bilder zum Verkauf, um auch damit etwas seine Kasse aufzubessern.

Solange wir auf das Verpacken der Bilder warteten, kamen die einzelnen Gruppen des Roten Kreuzes aus der Stadt, um die von uns gebrachten Pakete abzuholen. Wir konnten also sehen, dass diese Pakete nicht irgendwo verschwanden, sondern in kleineren Mengen an die einzelnen Ortsvereine weitergegeben wurden. Dies gab uns ein gutes Gefühl.

Nun ging es endgültig zurück zum Hotel, dann wir hofften, dass die andere Gruppe schon da sei, was aber nicht der Fall war. So vertrödelten wir halt noch etwas Zeit um uns dann doch zu entschließen, ins Lager zu fahren, um endgültig auszuladen. Solange wir dort waren, versuchte Swetlana im Hotel zu erfragen, ob die andere Gruppe da ist. Während des Telefongesprächs merkten wir, dass sie immer unruhiger und nervöser wurde. Wir erfuhren, dass die Gruppe zurück ist und dass Thorsten („Itzeblitz“) von der Miliz verhaftet wurde, weil er auf den Parkplatz pinkelte.

Natürlich war die andere Gruppe, die dies miterlebte, sehr nervös und verunsichert. Wir waren zunächst auch erschreckt, waren aber der Meinung, dass wir unseren „Itzeblitz“ schon im Laufe des Nachmittags auslösen könnten. Swetlana drängte zwar darauf, dass wir sofort zurückfahren; wir aber waren der Meinung, dass ja Nikolaj bei „Itzeblitz“ ist und dass wir deshalb wenigstens noch unseren Kaffee austrinken könnten, was wir dann auch taten.

Zurück auf dem Parkplatz beim Hotel sahen wir dann „Itzeblitz“ etwas ruhiger als sonst, aber guten Mutes. Er war einige Zeit von der Polizei verhört worden; da er aber angab, blasenkrank zu sein und das Wasser einfach nicht mehr halten zu können, er also nicht mehr ins Hotel kam, wurde er mit einer Verwarnung wieder entlassen. Erstaunlicherweise musste er nicht einmal Strafe bezahlen. Also waren wir frohgemut, aber auch glücklich, dass die Sache so gut abging

Am Abend saßen dann diejenigen, die am nächsten Morgen nicht fahren sollten, noch einige Zeit beieinander, denn es gab viel zu erzählen und zu berichten. Die Zeit verrann wie im Flug, so dass wir trotz der geplanten frühen Abreise relativ spät zur Ruhe kamen. Dass einer der anderen Gäste mit einem Revolver spielte und versehentlich in die Decke schießt konnte uns nach dem Erlebten nicht sonderlich erschrecken. Merke: Schießt Du im Hotel mit einem Revolver in die Luft, ist dies normal; pinkelst Du aber auf einen Parkplatz, wirst Du verhaftet. So einfach ist das Leben zu verstehen!


Während wir in Minsk unsere Hilfslieferungen verteilten, fuhr die andere Gruppe nach Mogiljow in das dortige Krankenhaus, um die Krankenbetten aus Tübingen abzuladen. Die Organisation dort klappte hervorragend, so dass diese Arbeit relativ schnell erledigt war. Die Gruppe besuchte auch andere öffentliche Einrichtungen und übernachtete in einem der dortigen Hotels, wobei wir zur Auskunft bekamen, dass die Qualität dieser Hotels nicht dem Standard von Minsk entsprach. Nun entsprach Minsk auch nicht unserem Standard, so dass wir natürlich das wesentlich bessere Los gezogen hatten, allerdings war das dortige Hotel auch wesentlich preisgünstiger.

Von Mogiljow ging die Fahrt der Gruppe nach Sokolow, wohin die Gruppe Baisingen schon lange Verbindung hat. Dort mussten die Hilfslieferungen im freien Gelände verteilt werden, da die Zufahrt zum eigentlichen Lager mit den Lkws nicht befahrbar war. Teilweise wurde in einem Lager abgeladen, aber ein großer Teil wurde frei verteilt. Es muss dort sehr chaotisch zugegangen sein, denn die Dinge wurden den Baisingern nahezu aus der Hand gerissen und auch untereinander hatten die Leute Verteilerkämpfe. Teilweise wurden die Dinge nach dem Faustrecht aufgeteilt, denn man sah hin und wieder eine Schramme – so wurde uns erzählt. Es wäre sicher furchtbar gewesen (so meinte Itzeblitz“), wenn die Leute den Lkw gestürmt hätten, wonach es teilweise aussah, denn dies hätte eine unwahrscheinliche Panik ausgelöst und sehr gefährlich werden können. „Itzeblitz“ meinte: Da habe ich eben hin und wieder ein Paket von der Ladefläche fallen lassen, damit wir wieder Ruhe bekamen.“

In Sokolow war die Gruppe nicht angemeldet gewesen, obwohl dies zugesagt war, so dass nachts noch in aller Eile Quartiere besorgt werden mussten. Teilweise fand die Übernachtung in Privathäusern statt oder in einer Schule.

Die Gruppe Mogiljow-Sokolow hatte also, wenn man so will, ähnliche Bedingungen wie wir ein Jahr zuvor in Kiew, was sicherlich für die Neulinge wesentlich beeindruckender war als unser „Ferienaufenthalt“ im Hotel in Minsk.


Für 3.30 Uhr war die Abfahrt angesetzt. Da wir relativ spät in der Nacht zu Bett gingen, war ich verständlicherweise noch etwas müde und merkte eigentlich erst, dass Aufstehenszeit war, als verschiedene Leute in unserem Zimmer herumrannten, irgendwas suchten, irgendwas beredeten und ein mords Getrampel war. In aller Eile machte ich meine Morgentoilette. Glücklicherweise hatte ich am Abend zuvor noch gebackt, so dass ich zur Abfahrt rechtzeitig zur Stelle war. Müde – aber immerhin im Auto! Uwe hatte ja die erste Schicht und los ging’s Richtung Heimat.

Die Fahrt verlief ohne Zwischenfälle, so dass wir relativ schnell an der polnischen Grenze waren. Die Weißrussen waren wie gewohnt freundlich und wie gewohnt bürokratisch: Zettelchen, Passkontrolle usw., aber schon bald waren wir beim polnischen Zöllner. Die Polen ließen sich jedes Fahrzeug zeigen, machten also eine ziemlich gründliche Kontrolle. Wir in unserm Fahrzeug mussten auch öffnen und ich merkte, dass Uwe nervös wurde.

Seltsamerweise wurde mein Gepäck nicht kontrolliert, sondern nur das von Uwe. Zunächst wurden die Bilder besichtigt. Die Bescheinigungen aus Minsk fanden das Wohlwollen der Zöllner. Allerdings musste er die Verpackung öffnen, damit man auch sah, ob tatsächlich die angegebenen Bilder befördert wurden.

Dann ging es an Uwes Koffer. Recht zögernd zeigte er seine Habseligkeiten, immer bemüht, die paar Flaschen Wodka, die er natürlich (nicht) bei sich hatte, zu verbergen. Dies gelang. Dann kam eine Plastiktüte dran; die etwas angeschmutzte Wäsche interessierte die Polen weniger, aber noch weitere Pakete mussten ausgeladen werden und Uwe wurde immer nervöser. Denn noch ein Paket weiter, dann wären seine 10 und die Zigarettenstangen von Anton an der Reihe gewesen. Glücklicherweise wollten die Zöllner aber nichts mehr sehen und gaben sich zufrieden. Ein sichtlich nervöser Uwe packte überglücklich seine sieben Sachen wieder ins Fahrzeug und auch Anton, der die Sache aus seinem Lkw beobachtet hatte, bekam wieder mehr Farbe ins Gesicht!

Nachdem diese Kontrolle bei allen Fahrzeugen gut verlaufen war, ging es weiter und beim letzten Zöllner fehlte dann natürlich unser Begleitpapierchen für das Fahrzeug. Entweder hatten es die Zöllner während der Kontrolle ins Auto gelegt oder einer von uns beiden. Uwe rannte zurück um ein neues Zettelchen zu bekommen und ich suchte im Fahrzeug und siehe da, es war da. Der Pole grinste sich eins als ich sagte, ich wolle zurückfahren um Uwe zu holen, er meinte lediglich, er sage Kollegen, dass ich weitergefahren bin und schickte mich Richtung Polen

Also fuhr ich wohl oder übel weiter zu den anderen. Irgendwann merkte auch Uwe, dass das Fahrzeug weg war und mit letzter Kraft spurtete er über die Grenze zu uns.

Da wir auf der Hinfahrt an der letzten Tankstelle vor der Grenze ein gutes Lokal gefunden hatten, machten wir dort zunächst Mittagspause. Das Essen war hervorragend (vielleicht auch nur, weil wir von Belarus nicht verwöhnt waren). Das Lokal war ganz auf Deutsch eingerichtet, die Bedienungen sprachen deutsch, das Bier war deutsch, das Eis war deutsch, der Kaffee war deutsch usw.

Weiter ging’s Richtung Deutschland. Dieses Mal benützten wir die Umgehungsstraße um Warschau. Diese Strecke war kürzer und zum anderen verkehrsarm, so dass wir wesentlich schneller an Warschau vorbei waren als auf der Hinfahrt.

Und weiter ging’s Richtung Grenze. Natürlich tankten wir unterwegs oder tranken etwas Kaffee, aber wesentliche Pausen gab es nicht, denn ich hatte das Gefühl, jeder wollte so schnell wie möglich zurück.

So kamen wir gegen Abend in Görlitz an, nachdem wir uns vorher in Breslau etwas verfahren hatten, und standen außerhalb der Stadt am Ende der Schlange. Also, Dieter Hermann und ich fuhren wieder vor zur Grenze. Ich musste rund 100 m vorher das Fahrzeug abstellen, da ich sonst möglicherweise nicht mehr zurückgekommen wäre, denn die Lkws standen zweispurig und die dritte Fahrspur für Pkws war zwar offen, aber wenn sich hinter mir ein Stau ergeben hätte, weiß ich nicht, wie wir zurückgekommen wären. Also ging Dieter alleine zum Verhandeln.

Ich bekam nach kurzer Zeit Besuch von einem betrunkenen Polizisten, welcher mich zurückschicken wollte. Selbstverständlich fuhr ich rund 30 m zurück. Das Spielchen wiederholte sich und als wir gerade in einem tollen Disput waren, kam Dieter zurück. Er hatte folgendes erreicht: Wenn uns der deutsche Zoll innerhalb von fünf Minuten abfertigt, können wir die Pkw-Spur benützen. Die Deutschen hatten diese schnelle Abfertigung zugesagt, so dass wir zurückfuhren um den Rest der Truppe abzuholen.

Und wieder ging’s mit dem ganzen Tross vor zur Grenze. Gott sei Dank war unser Polizist nicht mehr da, denn dieser hätte uns mit Sicherheit wiederum Schwierigkeiten gemacht. Ich wurde sehr schnell durchgeschleust und warte dann beim deutschen Zoll, aber auch dort konnte ich nicht bleiben, denn die Deutschen meinten, ich würde den Verkehr behindern. Also fuhr ich weiter bis zum nächsten Parkplatz. Entweder ich fand keinen oder ich sah keinen; auf alle Fälle fuhr ich rund 2 km, bis ich eine geeignete Stelle fand. Und ich wartete und wartete.

Aber schließlich und endlich kam dann der Rest doch noch angefahren und wir konnten gemeinsam unsere Reise fortsetzen. Wir hatten noch verabredet, dass wir uns bei Dresden in der Raststätte „Wilsdruff“ treffen würden, damit sich die beiden Schuon-Fahrer für ein paar Stunden Richtung Heimat (Weißenfels) absetzen konnten.

Wir trennten uns und fuhren weiter nach Pfalzgrafenweiler, so wir am Samstag kurz nach Mittag eintrafen. Unser erstes Ziel war die Spedition Pfefferle in der Hoffnung, dass wir dort unsere Fahrzeuge wasch könnten, um sie dann ihren Eigentümern wieder zurückzugeben. Die Waschanlage war frei, so dass wir also um ca. 16.00 Uhr fertig waren.


Dieter, Uwe und Heinz wurden von Ihren Frauen und Kindern begrüßt und abgeholt, während die meinige genüsslich beim Tennisspielen war, denn wir hatten in dieser Woche Clubheim-Dienst.

Also fuhr ich nach hause, natürlich nicht, ohne vorher mit meiner Frau gesprochen zu haben, duschte mich und legte mich kurz etwas hin – am nächsten Morgen um 10.00 Uhr kam ich wieder zu mir.

Das war unsere Hilfsfahrt 1994.

Wir sind froh, dass sie so reibungslos und problemlos abgelaufen ist, dass insbesondere kein Unfall passierte, keine Fahrzeuge ausfielen und – vor allem – dass die Mannschaft sich gut verstand und zusammenhielt.

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lin Verbindung mit der Mission „Licht im Osten“ in Korntal

Vom 07. Mai 1993 bis 15. Mai 1993

Teilnehmer: 

Aulhorn Jürgen, Rötha
Heymann Hans, Böhlen
Ferch Manfred, Pfalzgrafenweiler
Galsterer Dietrich, Pfalzgrafenweiler
Pfefferle Dieter, Pfalzgrafenweiler
Sydlo Dieter, Böhlen
Müller Antje, Rötha
During Kai, Rötha
Reichel Michael, Einsiedel
Burghardt Frank, Zwenkau
Gläßer Andre


Bei der Fahrt des Vereins zur Förderung des Gewerbes und des Fremdenverkehrs in Pfalzgrafenweiler zur Kunst- und Handwerksausstellung in La Loupe im Jahr 1992 erzählte mir Manfred Ferch über die Hilfsfahrten in den Bereich Tschernobyl durch die Bürgerinitiative Rötha, Pfalzgrafenweiler und Bramsche. Auch hatte er Bilder bei sich, welche die Not und das Elend der dortigen Bevölkerung zeigten.
Mein Interesse an einer solchen Fahrt teilzunehmen war geweckt. Herr Ferch meinte zwar, ich sollte nur als stiller Beobachter mitfahren – für mich war aber klar, wenn ich teilnehme, könnte dies nur in aktiver Mitarbeit sein. Denn einerseits kann eine Gruppe nur dann arbeiten, wenn alle mitarbeiten, und andererseits kann sich ja sicherlich niemand – aufgrund Personalmangels – absetzen.
Als ich nun im Frühjahr 1993 von Herrn Ferch auf eine Fahrt im Mai angesprochen wurde, brauchte ich doch erhebliche Bedenkzeit. Eine solche Fahrt ist sicherlich eine Strapaze und nicht ganz ungefährlich. Auch stand eine Operation heran, so dass ich mir der rechten Hand behindert sein würde, was meine ursprüngliche Absicht – voll in die Gruppe integriert zu sein – zunichte machen würde. Trotzdem habe ich mich dann entschlossen an dieser Fahrt teilzunehmen.
Als auch noch Herr Dieter Pfefferle seine Teilnahme ankündigte und die Firma Pfefferle einen Lastzug für Hilfsgüter zur Verfügung stellte, war die Entscheidung endgültig gefallen.
Nun ging es aber darum, in relativ kurzer Zeit, Hilfsgüter zu sammeln. Durch entsprechende Presseberichte und Veröffentlichungen im Mitteilungsblatt kam dann soviel zusammen, dass wir einen kompletten Lkw beladen konnten. Eine stolze Leistung der Bevölkerung aus Pfalzgrafenweiler, aber auch das ganzen Landkreises Freudenstadt und teilweise dem Landkreis Calw. Auch finanziell wurden wir erheblich unterstützt, so dass wir nicht ohne Stolz auf die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung die Fahrt antreten konnten.



Nachdem wir noch am Abende vorher ein ausgiebiges Pressegespräch hatten, trat ich nach rund vier Stunden Schlaf um 4.15 Uhr, zusammen mit Manfred Ferch und Dieter Pfefferle, die Reise in die Ukraine an. Ohne Probleme und Schwierigkeiten erreichten wir um 12.30 Uhr Rötha/Sachsen.
Freundlich aufgenommen bei der Familie Dr. Sonnek, die uns einen privaten Pkw zur Verfügung stellte, fuhren wir nach Leipzig um die Stadt zu besichtigen.

Die Nikolai Kirche in Leipzig, Ausgangs-punkt der  Montags- Demonstrationen.

Ich hatte Leipzig noch nicht gesehen, während Manfred und Dieter schon einmal dort waren. Mit Heißhunger verschlangen wir Thüringer Bratwürste und machten einen kleinen Rundgang durch die Innenstadt   (Nikolaikirche, Rundes Eck u. a.)   Auf dem Rückweg nach Rötha besichtigten wir noch das riesige Braunkohle Revier bei Espenhain und trafen uns gegen 17.00 Uhr mir den Teilnehmern aus Rötha zum endgültigen Beladen der Fahrzeuge, Einbau der Sprechfunkgeräte usw.
Mein erster Eindruck der neuen Bekannten war, dass dies sicherlich eine gute Mannschaft sei, dass aber etwas viel diskutiert wurde und eine Führungspersönlichkeit fehlte. M.E. eine Grundvoraussetzung für die schwierige Fahrt, welche vor uns lag. Ich möchte nicht behaupten, dass die ganze Angelegenheit des Beladens etwas chaotisch war, sie war aber schlecht vorbereitet und jeder tat ein bisschen das, was er für richtig hielt; so dass letztendlich manches Gegensätzliche und Widersprüchliche getan wurde.

Laden im Bauhof der Stadt Rötha/Sachsen

So sollte z.B. der W 50 nicht zu stark beladen werden, am Ende war er aber total überladen. Auch kamen die Funkgeräte in letzter Sekunde an und mussten relativ provisorisch angeschlossen werden. Teilweise waren sie technisch nicht in Ordnung, was sich im Laufe der Fahrt negativ auswirkte.
Zum Schluss war aber alles in Ordnung. So gingen wir gegen 20.30 Uhr zu Familie Geißler, aßen noch einmal gut und legten und zum Schlafen, da es am nächsten Morgen doch relativ früh losgehen sollte.


4.45 Uhr treffen wir uns beim Bauhof zur Abfahrt, welche gegen 5.00 Uhr geplant war. Um 5.30 Uhr gings dann los Richtung Kiew.
Um 9.15 Uhr waren wir in Görlitz und wurden von der Polizei zur Grenze geleitet. Es dauerte aber immerhin bis 11.30 Uhr bis die deutsch-polnische Grenze überschritten war.
Nicht nur der polnische Zoll war überaus eifrig bei der Sache, auch der deutsche Zoll war nicht gerade das Optimale. Wir hatten erwartet, wenn wir Bescheinigungen darüber vorlegen, dass es sich um einen Hilfszug handelt, der Zoll etwas großzügiger wäre. Aber nicht nur hier sondern auch später wurde dieser Glaube immer wieder auf eine harte Probe gestellt. Z.B. gab es am Rande eine Diskussion darüber, dass der ASU an dem Moskwitsch, welcher in Kiew bleiben sollte, abgelaufen ist – was ja der deutschen Grenzpolizei egal sein konnte, weil das Fahrzeug ja auf „Nimmerwiedersehen“ vom deutschen Boden verschwand. Aber wie meinte doch der Grenzschützer: „Ich tue hier nur meine Pflicht“.
Nachdem die Polen die Fahrzeuge versiegelt hatten und alle Papiere für in Ordnung befanden, ging es los in Richtung ukrainische Grenze; zunächst auf der alten Reichsautobahn in Schlesien, welche noch im Originalzustand vorhanden ist, über Wroclaw (Breslau 15.20 Uhr), Opole (Oppeln 16.45 Uhr), in Richtung Krakau.

Gegen 17.10. Uhr gab es dann am Ende eines Dorfes einen Riesenknall und der W 50 fuhr nur noch auf den Felgen, da die linken Zwillingsreifen geplatzt waren. Es mussten also zwei Ersatzräder aufgezogen werden, was insofern auch Zollproblem hatte, da wir die Zollplomben öffnen mussten um die Ersatzräder aus dem Fahrzeug herauszunehmen. Auch hier zeigte sich ein gewisses Problem in der Organisation des Beladens, da die Lkw-Reifen unter den Hilfsgütern waren, so dass ein Teil der Ladung ausgeladen und dann wieder eingeladen werden musste.  Auch auf der rechten Seite war ein Reifen sehr stark beschädigt; wir mussten also damit rechnen, dass dieser Reifen bald seinen Geist aufgeben würde. Deshalb wurde vorsorglich auch dieses Rad  ausgewechselt. Nun hatten wir alle Ersatzräder auf das Fahrzeug aufgezogen. Problematisch war, dass eines der Räder vom Umfang her größer war als die anderen, so dass wir kaum noch damit rechneten das Fahrzeug bis Kiew zu bringen, denn die ganze Last der rechten Hinterachse ruhte ja nun nur auf diesem einen Rad.
Aus diesem Grunde entschloss sich dann die Mannschaft des VW-Busses, welchen der Landkreis Borna zur Verfügung gestellt hatte, irgendwo in Polen ein Ersatzrad zu kaufen. Wir hielten bei einem Lkw an, der dieselbe Reifengröße hatte und versuchten dort das Ersatzrad zu bekommen. Der Fahrer wollte sich von seinem Reifen nicht trennen, verwies uns aber auf ein anderes Fahrzeug, welches auf der Strecke liegen geblieben war. Also drehten wir um, fuhren zurück und verhandelten dort mit dem Begleiter und konnten tatsächlich einen Reifen mit Felge für DM 100,00 erwerben. Also wurde der Reifen in den VW-Bus eingeladen und zurück ging`s zu den anderen.
Diese waren inzwischen etwas sauer, da wir uns vorher nicht abgemeldet hatten, was aber aufgrund unseres defekten Funkgerätes nicht möglich war. Natürlich hätten wir die Kolonne überholen und Bescheid geben können. Dies war von uns ebenfalls ein Organisationsfehler, zumal es reiner Zufall war, dass wir die andere Gruppe wieder trafen, da diese vergeblich von der Autobahn abgebogen war, um Luft in die gewechselten Reifen aufzufüllen. Sie fuhren gerade wieder auf die Autobahn ein, als wir ankamen.
Wir klapperten dann weitere Tankstellen ab um Luft für die Reifen zu bekommen, was leider nicht möglich war; an polnischen Tankstellen gibt es demnach i.d.R. weder Luft noch Wasser. Zu guter Letzt fuhren wir zu einer anderen Tankstelle, welche aber nicht in Betrieb war und versuchten dann mir den Druckluftanlagen der Lkws aufzufüllen, was letztendlich auch unter großen Mühen gelang. Gleichzeitig kochten wir Kaffee und bereiteten unser bescheidenes Abendessen.
Auf Grund der unterschiedlichen Reifengrößen auf dem rechten Hinterrad entschlossen wir uns das neu erstandene Rad sofort zu montieren, damit die Räder gleichmäßiger belastet würden. Dabei stellte sich heraus, dass einer der Reifen bereits wieder ohne Luft war, so dass beide Räder gewechselt werden mussten. Zum Glück hatte das neue und das noch vorhandene intakte Rad die gleiche Größe.

Und weitere Pannen!

Gegen 22.10 Uhr war dann alles geschafft – das Abendessen, die Fahrzeuge und wir. Weiter ging es in Richtung Ukraine, immer wieder unterbrochen von Stopps an den Tankstellen um Reifenluft  zu bekommen. Beflissene Tankwarte stürzten sich auf uns, wenn wir mit unseren fünf Fahrzeugen ankamen, machten lange Gesichtet, wenn wir nur Luft wollten – und weiter ging’s.
Um 4.15 Uhr des nächsten Tages, rund 750 km vor Kiev, machten wir dann endgültig einen Tankstopp. Wasser zum Händewaschen war an dieser Tankstelle vorhanden, die Luft war abgestellt bzw. der Kompressor lief nicht. Das Restaurant war geschlossen, lediglich der Tankwart und vermutlich die Bedienung des Restaurants hielten sich in ihrem Verkaufsraum auf und verließen diesen – möglicherweise aus Sicherheitsgründen – nicht.


Wie bereits berichtet, tankten wir gegen 4.15 Uhr alle Fahrzeuge nochmals voll und weiter ging’s.
Gegen 5.35 Uhr riss der Keilriemen am Moskwitsch; glücklicherweise aber hatte Jürgen vor Fahrtbeginn festgestellt, dass dieser nicht in Ordnung war und für Ersatz gesorgt, so dass die Reparatur relativ schnell beendet werden konnte.
Nach einer weiteren Stunde Fahrzeit, um 6.35 Uhr, waren wir dann an der Grenze. Ausgerüstet mit unseren Begleitpapieren mussten wir uns nicht hinten an der Warteschlange einreihen, sondern konnten bis an die Grenze vorfahren. Als Gegenleistung erwartete natürlich der polnische Zoll ein Präsent in Form von Zigaretten, Bier und Kaffe, so dass wir die polnische Grenze bereits um 7,45 Uhr überschreiten durften.Nun standen wir also vor dem Zaun der Ukraine und durften diesen auch ohne Probleme passieren, mussten dann aber doch einiges an Geduld aufbringen, da die ukrainischen Zöllner – Hilfslieferung hin oder her – trotz Präsenten relativ gründlich die Abfertigung vornahmen; so dass wir erst um 9.20 Uhr weiterfahren konnten. Eine ziemlich lange Zeit; wie aber die anderen meinten, welche schon mehrmals dabei waren, eine sehr kurze Zeit an der Grenze – nur knapp drei Stunden.
Jetzt waren wir also in der ehemaligen Sowjetunion, der Ukraine. Diese stellte sich als ein hügeliges bis ebenes Land dar, durchzogen von Äckern, Wiesen und Mischwäldern, in welchen überwiegend Kiefern dominierten. Viele freie, ungenutzte Flächen im Naturzustand, Seen, Bäche und Sümpfe. Dieses ehemals polnische Gebiet machte alles in allem einen gepflegten Eindruck, auch die Häuser waren in Ordnung.
Allerdings sah man schon, dass es sich hier um kein reiches Land handelt: so waren viele Kinder und jüngere Frauen, aber auch ältere Männer mit einer Kuh am Stick unterwegs um diese entlang der Straße weiden zu lassen. Ein ungewöhnliches Bild für diejenigen, welche dies noch nicht gesehen hatten, insbesondere wenn man bedenkt, dass bei uns alles unter Zeitdruck geschieht und hier eine ganze Arbeitskraft aufgewendet wird, nur um eine Kuh oder eine Ziege groß werden zu lassen. Sicherlich sind diese Tiere der größte Besitz der Mensche hier und werden deshalb sorgfältig bewacht.

War kann, hält sich eine Kuh oder Ziegen und Schweine. Mangels eigener Wiesen weiden diese Tiere an den Straßenrändern. Die Wiesen werden von den Kolchosen bewirtschaftet.

In den Seen und Flüssen war viel Getier wie Enten und sonstige Wasservögel zu sehen, aber auch sehr viel Angler. Ich vermute, dass es sich hierbei nicht um Hobbyangler wie bei uns handelt, sondern um den notwendigen Versuch, die Speisekarte aufzubessern.
Wie gesagt, machten die Dörfer einen relativ gepflegten Eindruck – natürlich nicht in unserem Sinne. Die Häuser waren sehr klein. Geteerte und asphaltierte Straßen gab es mit Ausnahme der Hauptstraße, auf welcher wir uns befanden, nicht. Eine Infrastruktur in unserem Sinne sicherlich ebenso nicht, da bei jedem Haus – oder zentral zugänglich – Ziehbrunnen waren, welche auch benutzt wurden. In den Städten, welche wir passierten, waren ungeheuer viel festlich gekleidete Menschen unterwegs. Zunächst dachten wir, dass irgendwelche Feiern zum Kriegsende am 08. Mai stattfinden würden, erfuhren aber später, dass es sich um den Tag der Unabhängigkeit von der Sowjetunion handelte. Wenn ich bedenke, wie feierlich wir früher den 17. Juni begingen oder heute den 3. Oktober, so kann mach schon allein aufgrund der vielen festlich gekleideten Menschen erkennen, dass es sich hier wirklich um einen besonderen nationalen Feiertag handelt.
Relativ viele Neubauten wurden errichtet, ebenso fiel auf, dass nahezu jede Kirche renoviert war oder dass neue Kirchen gebaut wurden. Ein bisschen erstaunlich, wenn man die bescheidenen Verhältnisse der Ortschaften sieht.
Natürlich sind die dortigen Neubauten mit unseren nicht zu vergleichen: sie sind wesentlich kleiner und werden in Handarbeit errichtet. Irgendwo sind Kalkgruben angelegt und so der Mörtel hergestellt. Auffallend war auch, dass die neuen Häuser i.d.R. nicht verputzt waren.
Durch diese relativ unberührte Landschaft ging es also Richtung Kiew. Von 14.00 bis 15.15 Uhr war Mittagspause in einem schattigen Wald, allerdings ohne Wasser seit Rötha. Zwar hatten wir Kanister bei uns, dieses Wasser war aber in erster Linie als Kaffee- oder Teewasser gedacht, weniger als Waschwasser.
Es ging einige Zeit relativ zügig weiter, wenn man davon absieht, dass wir einer Schildkröte, welche von einem Teich in den anderen wandert, ausweichen mussten und wir dieses für uns nur aus dem Zoo bekannte Tier bewunderten.
Dann aber, gegen 18.40 Uhr, machte der W 50 Schwierigkeiten: vermutlich war der Ölfilter verstopft. Trotz provisorischer Reinigung lief er aber doch nicht. Zum Glück kam jemand auf die Idee, dass der Motor Luft haben könnte, da wir aus Kanistern getankt hatten und diese möglicherweise verschmutzt waren, so dass sich langsam aber sicher in den Leitungen ein Vakuum gebildet hatte, weil nicht genügend Kraftstoff nachfließen konnte. Dem war dann auch so, so dass wir um 19.30 Uhr weiterfahren konnten.
Wenig später kamen wir in eine Polizeikontrolle, was aber durch ein kleines Präsent unsererseits zu keinen weiteren Problemen führte.
Gegen 23.00 Uhr musste der W 50 wieder entlüftet werden, so dass wir uns, die wir nicht mit der Arbeit beschäftigt waren, eine Stunde Ruhepause gönnen konnten.
Um 24.20 Uhr erreichten wir das Ortsschild von Kiew (Knebi), genau nach 1.624 km ab Rötha oder rund 2.200 Km seit Pfalzgrafenweiler.
Schon vorher hatten wir versucht, unseren Zielpunkt – die Babtistenmission in Kiew – telefonisch zu erreichen. Alle Versuche waren vergebens, so dass uns an einem GAI-Posten empfohlen wurde, am letzten Kontrollpunkt, beim Ortsschild von Kiew, zu bitten, dass man uns zur Mission begleitet. Auch wurden wir wohl an diesem GAI-Posten angekündigt. (Ein GAI-Posten ist ein Wachturm mit Straßensperre, der alle Fahrzeuge jederzeit anhalten darf). Nach kurzer Wartezeit kam ein Fahrzeug der Miliz und ab ging’s mit Blaulicht, unter Missachtung sämtlicher Geschwindigkeitsbegrenzungen durch die Stadt. Wir kamen dann um 1.25 Uhr an der Mission an.
Wie befürchtet, war trotz aller Zusagen seitens der Mission „Licht im Osten“ kein Mensch in der Baptistenmission zu sehen. Die beiden Milizionäre besorgten uns noch etwas Waschwasser und versuchten Zimmer aufzutreiben. Leider ohne Erfolg. Wir versuchten den gröbsten Schmutz abzuwaschen, was bei einer Schüssel Wasser, einer Frau und zehn Mann nicht ganz einfach war.
Also legten wir uns in die Fahrzeuge und schliefen selig dem nächsten Morgen entgegen, vor allem weil wir dachten, dass wir in einem geschlossenen Innenhof seien, was entsprechende Mauern andeuteten.


Ab ca. 2.00 Uhr wurde in unseren Fahrzeugen geschlafen in der Meinung wir seien irgendwo in einem geschlossenen Hof, entweder der Mission oder der Miliz. Als wir aufwachten, stellten wir fest, dass wir in einer Nebenstraße in unmittelbarer Nähe der Mission abgestellt waren. Die Mission war geöffnet und wir konnten in einem Nebengebäude der Mission die Nasszellen benutzen. Fließend Kalt- und Warmwasser und ein WC. Das WC war nicht übermäßig einladend, so dass jeder der irgendwie konnte sich die Sache überlegte und hoffte, irgendwann einmal einen geeigneten Wald zu finden.

Nach Tagen das erste fließende Frischwasser in einer Komunalwohnung.  D.h. mehrere Familien teilen sich eine Wohnung, Küche, Waschraum und Toilette.

Gegen 10.00 Uhr war Frühstück in der Mission. Dort erfuhren wir, dass unsere Papiere angeblich nur für die Stadt Kiew galten. D.h., wenn wir außerhalb fahren wollten, mussten die Waren auf einen Lkw der Mission umgeladen werden. Das war natürlich eine herbe Enttäuschung, da wir diesen Tag für eine Stdtbesichtigung vorgesehen hatten.

Das Führungsgremium, welches sich zwischenzeitlich gebildet hatte – an der Spitze Antje, welche die Gesamtorganisation auch machte – hatte bereits mit der Mission abgesprochen, dass wir nicht in Kiew bleiben, sondern nach wie vor unsere Hilfsgüter Richtung Tschernobyl bringen wollen. Also hieß es ab in Richtung Lagerhalle der Mission, um unter Zollaufsicht den Pfefferle-Lkw abzuladen. Dies wurde von 10.15 Uhr bis 12.35 Uhr vom Zoll überwacht.

Die beiden anderen Lkws, der Mercedes und der W 50 wurden auf einen ukrainischen Sattelschlepper der Mission, welchen sicherlich ein „Bruder“ aus Korntal gestiftet hatte, da noch sein Firmenschild an der Tür klebte, umgeladen. Die Enttäuschung über die Schikane des Zolls war natürlich groß. Ganz besonders bei den Reiseteilnehmern, welche schon öfters dabei war, weil nun stark befürchtet wurde, dass ein Verteilen an die Bedürftigen direkt nicht möglich sei, da die Mission sich die Dinge mehr oder weniger unter den Nagel gerissen habe. Die Stimmung war also denkbar schlecht. Trotzdem gingen die Arbeiten des Entladens bzw. Umladens zügig voran.

Zollkontrolle. Jeder Karton und jede Tüte werden untersucht.

Die Zöllner öffneten verschiedene Kartons, um Stichproben zu machen, prüften z.B. bei den Kleidern und Anzügen die Größen und markierten einige Kartons. Für mich war klar, diese Kartons sind Präsente für die Herren vom Zoll. Also ließ ich, soweit dies möglich war, diese Pakete ganz unten einlagern, was aber letztendlich nichts nutzte, denn am nächsten Tag waren sie tatsächlich verschwunden; was auch die Leiterin der Mission unumwunden zugab: Dies sei üblich und könne von ihr nicht verhindert werden. Der Zoll sei in der Nacht gekommen und habe seine Anteile abgeholt (freie Übersetzung von mir, gesagt hat sie`s anders).
Trotzdem waren wir nun alle gespannt – wie geht es weiter? Immerhin hatten wir durch diese Umladeschikane des Zolls, welche sich nachträglich nur als reine Selbstbedienungsmaßnahme entpuppte, bis 16.55 Uhr zu tun. D.h. der erste Tag war vertan, ohne dass sich irgendetwas bewegt hatte.
Die Zollselbstbedienung haben wir zwar gesehen, aber erst später begriffen; zunächst einmal war ein großes Misstrauen gegenüber der Mission vorhanden, auch wenn die Lagerhalle voll mit Bibeln und christlicher Literatur lag, was zwar ein gewisses Vertrauen gab, aber nicht so viel, dass wir beruhigt gewesen wären. Unsere Devise war nun: Warten wir die kommenden Tage ab.
Zunächst aber waren wir schon der Ansicht einer ukrainischen Mafia in die Hände gefallen zu sein, denn – nur als kleines Beispiel – der Moskwitsch war eindeutig zum Verbleib in der Ukraine als Geschenk der Brüdergemeinde an die Mission gedacht; die Behörden meinten aber, dass das Fahrzeug wieder zurück muss, weil es in den Zolldeklarationen nicht für Kiew bestimmt war. Andererseits ließ sich dies dann an Ort und Stelle bei der Umladeaktion mit den Zöllnern klären: Der Moskwitsch darf bleiben. Steckte also die Mission und Zoll unter einer Decke? Hängt das Fehlen von verschiedenen Geschenkten mit dieser Aktion zusammen? Wer weiß es – die Ukraine ist groß                                                                                                                                                                                                         Nachdem also die Schikane beendet, alles entweder im Lagerhaus oder auf dem ukrainischen Lkw verstaut war, freute sich jeder auf eine Dusche in einem m ordentlichen Zimmer.
Zurück  in der Mission gab es Wasser zum Händewaschen (kalt), eine lange Pause, dann Vesper mit Tee oder Kaffee.

Von der Mission wurde uns gesagt, dass wir bei Privatleuten untergebracht werden und dass dies problemlos möglich ist. So zogen wir also frohgelaunt mit „unserem“ Missionar in dessen Wohnung. Vier Mann: Kay, Dieter, Manfred und ich. Wir trafen eine nette Familie mit zwei Kindern, setzten uns ins Wohnzimmer und harrten der Dinge. Einer nach dem anderen wollte dusche

Als erster war m. E. Manfred an der Reihe, der auch nach relativ kurzer Zeit sehr erfrischt zurückkam und etwas schnatternd erklärte, dass es nur kaltes Wasser gäbe. Nun, was soll’s, der Dreck von drei Tagen musste runter. Also jeder unter die kalte Dusche und erfrischt und erquickt saßen wir dann im Zimmer, d.h. als ich als letzter an der Reihe war hörte ich etwas aufgeregte Stimmen wie: „so geht’s nicht“ und „das machen wir nicht“ u. dgl.. Was war geschehen?
Unser Gastgeber erklärte uns, dass wir die zwei Einzelbetten jeweils mit zwei Mann benützen sollen und dass die Familie auf dem Boden schlafen würde. Das war für uns schon ein ziemlicher Hammer. Natürlich waren wir darauf vorbereitet keine Luxuszimmer zu bekommen, aber dies ging uns doch zu weit. Nach kurzer Beratung waren wir uns einig: Hier bleiben wir nicht, das ist uns und unseren Gastgebern nicht zumutbar, obwohl letzteres sicherlich für die Leute eine Selbstverständlichkeit gewesen wäre; trotzdem kann es so nicht gehen.
Also riefen wir unseren Dolmetscher an, der versuchte, unseren Gastgebern die Sache so schonend wie möglich beizubringen. Wir einigten uns darauf, dass uns der Fahrer der Mission wieder abholen würde und uns zu unseren Lkws bringt. Dort standen wir nun und beratschlagten was zu tun wäre. Inzwischen waren auch noch einige Einheimische hinzugekommen und es gab einen längeren fröhlichen Abend mit viel Diskussion und Gespräch, ohne dass der eine den anderen verstand. Schön war es trotzdem!
Irgendwann waren wir dann soweit: Entweder die ganze Nacht einen Spaziergang durch Kiew zu machen oder unsere Schlafsäcke zu nehmen und im Kofferaufbau des Lkws zu übernachten. Insgesamt waren wir dann sieben Personen, die in den Fahrzeugen schliefen. Der Rest der Mannschaft war mit den angebotenen Quartieren bei den Missionaren recht zufrieden.
Ein lebhaftes Schnarchkonzert begleitete uns in den nächsten Tag.


Gegen ca. 8.00 Uhr erwachen wir und kommen langsam zu uns und zu unserer Morgentoilette ( 3 – 10 Kniebeugen ). Nachdem auch der Nachtwächter in der Mission seine Morgentoilette beendet hatte, konnte ich ihm in perfektem Deutsch und ukrainischer Zeichensprache erklären, dass wir gerne einen Kaffee hätten.
Glücklicherweise konnte er die Kaffeemaschine nicht bedienen, so dass wir unseren Kaffee selbst kochen durften. Ihm fielen fast die Augen aus dem Kopf als er das Mischungsverhältnis Kaffee – Wasser sah, dies war eben nicht ukrainisch sondern deutsch.
Mit einer Stunde Verspätung ging’s dann zu unserem ukrainischen Lkw bei der Lagerhalle.Wir hatten am Tag zuvor gehässigerweise geunkt, dass nach den uns unbekannten und unergründlichen Methoden in der Ukraine die Zugmaschine – falls vorhanden – wohl nicht laufen würde, so dass unsere komplette Ladung im Lagerraum verschwinden würde. Umso überraschter waren wir, als tatsächlich eine Zugmaschine vorhanden war, die aber noch geschweißt werden musste. Mit gemischten Gefühlen sahen wir dem Treiben zu, denn unsere Befürchtung, dass wir die Ladung nicht wegbringen würden, war trotz dem inzwischen etwas gemilderten Misstrauen gegenüber der Mission noch vorhanden. Und siehe da: irgendwann war denn das „Kleben“ der Fahrzeugs perfekt – schweißen ist doch etwas übertrieben ausgedrückt, da kaum Strom auf das Gerät kam.

Zwischendurch machten Antje, Manfred und ich einen Besuch im nahe gelegenen Friedhof, welcher völlig anders gestaltet und geartet ist als wir dies gewohnt sind. Jedes Grab war mit einem Zaun umgeben und bei jedem Grab waren Tische und Bänke damit die Angehörigen in Zwiesprache und einem Picknick mit ihren Toten zusammen sein können.

 Um 11.55 Uhr fuhren wir dann endlich ab, ca. 100 km in Richtung Tschernobyl in ein kleines Dorf mit ca. 500 Einwohnern am Rande der Schutz- oder Todeszone des Reaktors. Diese Zone hat einen Durchmesser von ca. 60 km; in ihr ist mit Sicherheit anzunehmen, dass es langfristig kein Leben geben wird.  Nach unseren Informationen leben aber dort noch Menschen, die sich nicht evakuieren lassen wollten, obwohl sie genau wissen, dass sie – früher oder später – tot sein werden.
Aber auch am Rande dieser Zone ist die Ratioaktivität noch sehr hoch. Der örtliche Radiologe hat in unserem Beisein 17 mr gemessen; nach seiner Auskunft liegt der Grenzwert bei 20 mr, nach Wissen unseres Dolmetschers, der sich in diesen Dingen gut auskennt, bei 17 mr.

Dolmetscher, Radiologe und Bürgermeister.

Der Radiologe zeigt uns auch, dass an verschiedenen Stellen des Ortes, z.B. an Hauswänden, wo das Regenwasser sich sammelt oder der Wind radioaktive Stoffe angeweht hat, sein Gerät, welches bis 50 mr ausgelegt ist, nicht mehr ausreicht. Im Durchschnitt ist die Ratioaktivität also wesentlich höher als der Grenzwert.
Im Grunde sind diese Menschen zum Tode verurteilt und es verwundert uns sehr stark, dass in diesem Ort und in der Umgebung die Evakuierten aus der Sperrzone in neuen Siedlungen untergebracht wurden.

Dieser Ort ist rund 20 km von der nächsten Bahnstation entfernt. Bis vor wenigen Jahren gab es noch eine Buslinie zwischen dieser Bahnstation und dem Ort, welche aber zwischenzeitlich eingestellt wurde, weil der Omnibus nicht mehr reparabel ist. Ein Ersatz steht nicht zur Verfügung. Die Menschen müssen also zum nächsten Zentrum rund 20 km zu Fuß oder mit dem Pferdewagen gehen; Autos, Motorräder oder Fahrräder stehen nur ganz vereinzelt zur Verfügung                                                                                                                                Die gut ausgebaute Straße zum Ort täuscht über die tatsächlichen Begebenheiten hinweg. Sie wurde erst nach dem Reaktorenunglück gebaut, weil die ganzen Betonmassen über diese Straße nach Tschernobyl gebracht werden mussten. Vorher handelte es sich – wie bei der übrigen Ortsstraße – um einen reinen Sand- und Erdweg.

Bei der Schule

Als erstes bringen wir Pakete in die Schule und verteilen dort eine große Anzahl von Geschenken an die Schulkinder in den Klassenzimmern. Einen weiteren Teil lassen wir noch zur allgemeinen Verwendung dort.

Dem Pastor, welcher „rein zufällig“ der Vater unserer Missionsoberin ist, überlassen wir überwiegend Kleidung und Textilien zum Verteilen in der Ortschaft und in der Schutzzone, da er zu diesen Menschen Verbindung hat. Diese würde er gerne ausbauen.

..und weitere Geschenke für die Bevölkerung

Textilien, Spielzeug, Möbel und ähnliche Dinge werden auch in leerstehenden Räumen des Kindergartens untergebracht. Hier erhebt sich für mich die Frage, wie kommt es, dass ein zweizügiger Kindergarten nur noch mit einer Gruppe betrieben wird und auch dort nur sehr wenige Kinder sind.

Entweder ist ein Großteil der Menschen abgewandert oder die Geburtenzahl ist aufgrund der Radioaktivität am Rande von Tschernobyl zurückgegangen oder die Neugeborenen haben keine Überlebenschance. Konkret fragen konnte ich nicht und es wäre sicherlich auch schwierig geworden hier eine zuverlässige Antwort zu bekommen, weil die Leute uns gegenüber sehr zurückhaltend und vorsichtig sind.
Den Kinder und anwesenden Erwachsenen übergeben wir Spielzeug, Süßigkeiten, Tabak und andere Genussmittel. Es ist ein riesiger Spektakel und erinnert mich an die Bilder aus der Nachkriegszeit in Deutschland, als die Amerikaner als die großen Wohltäter auftraten. Den Kollegen, welche mit dem Verteilen dieser Dinge beschäftigt sind, mögen diese Gedanken nicht wie mir gekommen sein, da ich am Rande des Geschehens nur fotografierte und die Menschen beobachten konnte.

Es war einerseits ein Gefühl der Freude zu sehen wie den Menschen geholfen werden konnte – andererseits war es für mich echt beschämend, wie wir als die großen Gönner auftraten. Ich hatte den Eindruck, dass die Menschen sich einerseits freuten, andererseits aber auch bedrückt waren. Dies zeigt letztendlich auch die Tatsache, dass zu irgendeinem Zeitpunkt Hans, unser Dolmetscher, zu mir kam und mir sagte, dass ich bitte das Fotografieren einstellen sollte, da sich die Menschen schämen würden.

Manfred Ferch schleppte sich mit den sogenannten Querschnittspaketen ab und verteilte diese von Haus zu Haus. Er war entsetzt und bedrückt über die erbärmlichen Verhältnisse in denen die Menschen leben.

Ein Bauernhof in der Ukraine bei Tschernobyl.

Er bat mich ihn auf einem dieser Gänge zu begleiten. Fotografiert habe ich dabei jedoch nicht, da ich bemerkte, dass der Mann bei unserer Ankunft sofort verschwand und durch Zeichen zu erkennen gab, dass er nichts von uns haben wollte und weil die Frau beim Anblick meiner Kamera sehr erschrocken war. Für diese Haltung, nicht im Elend fotografiert werden zu wollen, hatte ich sehr wohl Verständnis.

Mir wurde klar, dass unsere Hilfe sehr gut gebraucht wird, dass aber unsere Hilfslieferung an diesem Zustand nichts ändern kann, denn früher oder später wird das Leben am Rande der Todeszone aufhören, ferner gibt es weit und breit keine Arbeitsplätze  und keinerlei Infrastruktur in unserem Sinne auch wenn Schule und Kindergarten vorhanden sind. Aber gerade weil hier auf längere Zeit kein sinnvolles Leben möglich ist, scheint die Hilfe besonders wichtig zu sein.
Aber zurück zu unserer Aktion!  Sehr negativ empfand ich die Gier und war irgendwie entsetzt über sie und die Aggressivität der Stärkeren gegenüber den Schwächeren. Viele Kinder stehen am Rande und erhalten nichts oder nur sehr wenig; deshalb versucht Antje, auch diesen etwas zukommen zu lassen.

Ich merke auch, dass den Leuten solche Aktionen nicht ganz unbekannt sind, dass wir also nicht die ersten in diesem Dorfe sind denn Jung und Alt kommt nicht nur um das „Wunder“ zu sehen, sondern sind von vorneherein mit Körben, Taschen, Plastiktüten u. dgl. bewaffnet. Ganze Clans – Uroma bis Urenkel – arbeiten beim Hamstern zusammen. Irgendwie verständlich, denn hier geht es tatsächlich auch ums Überleben. Aber nichts desto trotz habe ich bei allem ein schlechtes Gefühl, obwohl doch Freude und Genugtuung gegeben sein sollte.
Positiv ist die Freude der Kinder, die sicherlich zuhause weder Süßigkeiten noch Spielsachen haben und die durch solche Aktionen doch erkennen können – und sei es auch erst in vielen Jahren – dass es Menschen gibt, die versuchen, ihre Not etwas zu lindern. Ich hoffe dabei, dass sie früher oder später auch erkennen, dass sie etwas tun müssen um diese Not zu überwinden. Bei der Mentalität dieser Menschen, aber auch im Hinblick auf die geschichtliche Entwicklung, mache ich da jedoch ein großes Fragezeichen.                                                 Irgendwann ist der große Lkw leer und ca. 14 t verteilt. Alle sind total fertig, denn es herrscht eine Gluthitze und die ganze Aktion verlief in praller Sonne. Der „Weihnachtsmarkt“ verläuft sich dann sehr schnell..

Vom Radiologen und dem örtlichen Vorsitzenden werden wir noch zu einem Schaschlik eingeladen. Dieses wird im Wald zubereitet. Unser  Dolmetscher Hans erklärt, wenn ein Russe nahe und möglicherweise 100 m sagt, dass man dann diese Entfernung x 10 nehmen müsse. Ähnlich geht es uns hier. Zielvorgabe ca. 500 m: Fußweg tatsächlich mindestens 3 km.
Jürgen, der solche Feten kennt, warnt uns zwar wegen des hohen Alkoholgenusses der damit verbunden ist, trotzdem war die Mehrheit für dieses Fest, das wir uns redlich verdient hatten, und welches – so glaube ich – von der Bevölkerung gerne gegeben wurde.
Wir wandern also irgendwo in den Wald. Bei jedem Schritt nimmt die Moskitoplage zu und es beginnt ein großes Hauen und Stechen, welches nicht nur uns, sondern auch die Einheimischen betrifft; für diese scheint so etwas jedoch selbstverständlich und normal zu sein. Wir werden jedoch wegen diesen Biestern nahezu verrückt. 

Schaschlik. Rustikal aber schön.

Es gibt – neben Selbstgebranntem – Salate, Wurst und viel Unbekanntes, sowie einen herrlichen „Tschernobyl-Wildspieß“. Irgendwann – zerstochen von den Moskitos – geht es dann heim.

Meine Zielvorgabe bei der ganzen Fete war, höflich zu sein, also zu versuchen genauso trinkfest wie die Ureinwohner zu sein; was zunächst noch einigermaßen gelingt, zum Schluss aber dann doch mehr oder weniger zu einem ordentlichen Rausch führt, was sicherlich unserer Missionschefin, welche die ganze Geschichte aus dem Bus heraus beobachtet, vor Entsetzen die Augen schließen lässt. Sie ist stinksauer. Verständlich, da sie ja mit ihrer Arbeit dem Alkoholproblem den Kampf ansagt.

Das ganze Besäufnis hat letztendlich den einen Vorteil: die Ukrainer sind sicherlich zufrieden mit unserer mehr oder weniger vorhandenen Trinkfestigkeit, zum anderen spürt man die Moskitostiche in keinster Weise mehr.
Nach einigen „Notstops“ kommen wir gut in Kiew bei der Mission an. Es ist mir unmöglich – aber hier bin ich nicht der einigste - sofort unser Nachtquartier auf dem Lkw zu beziehen; ich brauche noch jede Menge frische Lust – also machen wir uns zu einem ausgedehnten Spaziergang auf.
Dabei besichtigen wir u.a. eine U-Bahn-Station und führten ein lustiges „Gespräch“ mit den dortigen Mitarbeitern, keiner versteht den anderen und trotzdem sind wir quitschvergnügt. Auch der Bahnpolizist, der uns ursprünglich sehr energisch des Raumes verweisen wollte, da die U-Bahn wohl schon geschlossen hatte, wurde sehr zugänglich und freundlich, als er mit uns zusammen HB rauchen konnte. Nur die Oberaufseherin war sauer – zumindest tat sie so - denn als ich in ihre Kabine lugte, brach sie in schallendes Gelächter aus.
Nun ja, irgendwann ging es dann zum heimischen Lkw und die Nachtruhe hätte anbrechen können.Nun ja, irgendwann ging es dann zum heimischen Lkw und die Nachtruhe hätte anbrechen können.
Wir wurden von Bewohnern der umliegenden Gebäude gebet, mit ihnen ins Haus zu gehen, um dort zu schlafen. Zwei – nämlich Frank und ich – nahmen dieses Angebot an. Dabei ergab sich eine Situation, wie wir sie ursprünglich abgelehnt hatten, nämlich, dass wir mit der ganzen Familie in einem Raum schliefen. Hier machte es uns aber nichts aus, da die Menschen uns spontan eingeladen hatten und vielleicht auch der vorhandene Alkoholspiegel die Sache erleichterte und wir das Bett nicht teilen mußten, sondern jeder für sich schlafen konnte.
Anzumerken wäre noch, dass die Mission versprochen hatte, uns ab diesem Abend Hotelzimmer zu besorgen, dass aber dann keine Rede mehr davon war. Ich kann nur feststellen: selten habe ich so gut geschlafen wie in dieser Nacht! Obwohl wir noch zwei Ukrainer stellten, welche Waren aus dem Lkw gestohlen und, was ich aber nicht mehr bemerkte, Hakenkreuze an die die Mission geschmiert hatten.


Eigentlich war beabsichtigt, gegen 8.00 Uhr wegzufahren bzw. uns zu treffen.
Außer der Lkw-Schlafmannschaft war niemand anwesend. Vermutlich wurde während der Heimfahrt der Termin geändert, was wir jedoch irgendwie nicht mehr mitbekommen haben.
Ab 9.00 Uhr kommt denn Bewegung in die Mission, so dass wir uns waschen können (in der Mission hatten wir ja unser ganzes Gepäck liegen), anschließend war Frühstück.
Kurz von 12.00 Uhr brachen wir zum Missionslager auf und luden den Pfefferle-Lkw bis gegen 13,30 Uhr auf, um wiederum Richtung Tschernobyl aufzubrechen.
Erstaunlich war, dass wir nun mit unserem deutschen Lkw aus der Stadt heraus konnten. Für mich ist damit endgültig klar geworden, dass die ganze Umladeaktion vom Montag nur dazu diente, dem Zoll die erforderlichen Repräsentationsgeschenke zukommen zu lassen. Dies möchte ich aber der Mission nicht als Nachteil anlasten, denn diese ist ja auch auf den Goodwill der Behörden angewiesen.
Zum Glück musste die ganze Ladung nicht mehr aufgeladen werden, denn – wie bereits früher angemerkt – fehlte ein kleiner Teil der Ladung, die sich wohl der Zoll oder andere Repräsentanten der Stadt Kiew angeeignet hatten, und zum anderen ließen wir Kinderspielzeug und sonstige Einrichtungsgegenstände für einen Werkskindergarten in unmittelbarer Nähe zurück. Es wurde uns hoch und heilig versprochen, dass diese Dinge auch dort ankommen werden.
Nach dem Beladen der Lkws fuhren wir gegen 14.00 Uhr zurück zur Mission zum Essen. Unser Aufbruch bis ca. 50 km vor Tschernobyl erfolgt um 15.00 Uhr. Am Rande eines Dorfes nehmen wir dann eine Dame mit, welche uns zum örtlichen Krankenhaus begleitet. Sicherlich hatte sie noch nie gesehen, dass man Wasser auch aus einer Flasche trinken kann. Sie meinte daher: „Jetzt sitze ich schon wieder neben einem Alkoholiker“. Hans, unser Dolmetscher war gemeint; er konnte die Sache klären. Doch zeigt dieser Vorfall zweierlei Dinge:                            1. Baptisten sind sehr streng in ihrem Glauben                                                                                                                                         2. Man sollte Ausländern gegenüber vorsichtig sein, sie könnten verstehen was man sagt.                                                                     Lieber Trucker, bedenke dies an der Grenze!

Medizinisches Gerät und Arzneimittel laden wir im Krankenhaus ab. Spielzeug und Süßigkeiten, Obst u. dgl. verteilen wir in den Krankenzimmern an die Kinder und deren Mütter, die im Krankenhaus anwesend sein müssen um die Kinder zu versorgen.


Die Kinder und Mütter sind sehr scheu, sie nehmen unsere Geschenke sehr ruhig und ohne große Regung an. Wenn man aber dann das Zimmer verlassen hat und noch einen Blick zurückwirft – soweit dies möglich ist – sieht man die große Freude von Mutter und Kind und freut sich mit.                                                                                                                                                                                          Weiter geht es dann zum Seniorenclub, welcher überwiegend aus Kriegsveteranen und –versehrten besteht, also in etwa das Gegenstück zu unserem VdK ist. Dort laden wir eine große Menge Eßpakete ab. Den Rest der Pakete halten wir für die „Grenzformalitäten“ zurück und auch rund 20 Pakete für die Mitarbeiter der Mission, denn wir haben doch zwischenzeitlich erkennen müssen, dass diese sehr uneigennützig arbeiten.

Am Lenindenkmal machen wir Picknick und verschenken restliches Spielzeug an zufällig vorbeikommende Kinder. Ob ein solches Treiben am Fuße eines Lenindenkmals vor Jahren denkbar gewesen wäre, möchte ich erheblich bezweifeln. Wir wären damals sicherlich wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses und Schändung dieses Denkmals vertrieben worden.


Gegen 20.15 Uhr sind wir dann wieder in Kiew.
Das wär´s eigentlich gewesen, aber: in der Ukraine laufen die Dinge manchmal anders, insbesondere in „unserer“ Mission. Es war abgesprochen:
1. die Lkw´s kommen wegen der Vorkommnisse der vergangenen Nacht auf einen bewachten Parkplatz,
2. wir erhalten ein Hotelzimmer, damit wir endlich duschen und normal wohnen bzw. schlafen können.
Aber, was war:die Lkw´s kamen auf den Vorplatz des Lagers der Mission ohne Bewachung, obwohl Fahrzeuge der Mission selbst immer unter Verschluß standen. Unsere Fahrermannschaft war sauer. Wir erhielten kein Hotelzimmer, sondern wurden in eine leere Wohnung eingewiesen und hatten dabei den Eindruck, dass die Bewohner extra wegen und ausgezogen sind.
Soweit so gut. Die Wohnung sollte für sechs Personen sein. Es gab allerdings nur zwei Betten, so dass im Prinzip drei Mann in einem Bett oder der Großteil von uns hätte auf dem Fußboden schlafen müssen. Man war sich deshalb schnell einig, auch dieses Angebot konsequent abzulehnen, weil wir uns einfach verschaukelt fühlten. Oder hatte etwa Hans, unser Dolmetscher, in seiner etwas vorsichtigen Art, die Dinge nicht so dargestellt, wie wir dies wollten?

Auf alle Fälle duschten wir alle nacheinander und fühlten uns endlich wieder einmal sauber.
Der Auszug aus der Wohnung erfolgte aber auch, weil unsere Lkw´s nicht bewacht waren. Also habe ich mich geopfert und bin alleine in der Wohnung geblieben, was im Prinzip kein Opfer war, denn ich konnte in aller Ruhe schlafen.


Ich hielt also in der Wohnung aus und habe recht gut geschlafen. Kurz vor 8.00 Uhr bin ich aufgewacht und habe in aller Eile die Morgentoilette erledigt, da abgemacht war, dass ich um 8.00 Uhr abgeholt würde. Um 9.00 Uhr war dann immer noch niemand da und erst um 9.45 Uhr wurde ich abgeholt – was mich natürlich insofern maßlos ärgerte, da ich rund eine Stunde länger hätte schlafen können.
In der Mission gab es Frühstück. Anschließend wurde mit dem „Obermisssionar“ über die Mission sowie speziell über unsere Fahrt gesprochen. Wir haben nochmals unsere Kritik wegen der Übernachtungsmöglichkeiten vorgebracht und haben auch erklärt, dass unter solchen Bedingungen zukünftig immer weniger Deutsche nach Kiew kommen werden, dann so sei dies sowohl für uns als auch für die Gastgeber unzumutbar. Hoffentlich kam´s an!
Darüber hinaus haben wir angeregt, die Mission möge doch konkret prüfen, welche Hilfslieferungen in ihrem Gebiet am notwendigsten sind, damit man in Deutschland versuchen kann, gezielt zu sammeln und mit Geldspenden entsprechende Einkäufe tätigen zu können; da ja doch alles mehr oder weniger zufällig ist, was an Hilfsgütern vorhanden ist und wir alle die Situation im Bereich Tschernobyl nicht kennen und somit es schon gut wäre, wenn irgendwelche Unterlagen oder Listen über das Notwendigste über die Mission in Korntal verteilt werden könnten.
Um 12.00 Uhr brechen wir dann zu einer Stadtbesichtigung auf, wobei „Stadtbesichtigung“ eigentlich nicht ganz der richtige Ausdruck ist, da die Missionare uns zunächst einmal zu den Monumentaldenkmälern der Stadt führten und zum Schluss für eine eigentliche Stadtbesichtigung keine Zeit mehr war.
Z.B. besichtigten wir die Statue „Mütterchen Russland“ welche 102 m groß ist und 646 t wiegt. Die ganze Anlage bedeckt eine Fläche von rund 30 ha. Neben allen möglichen Plastiken und Monumentalbauwerken ist auch eine große Waffenschau vorhanden. Kriegsgeräte, Panzer u.dgl. aus dem 1. und 2. Weltkrieg, aber auch neuere Typen.

Gedenkstätte an den gewonnenen Weltkrieg überragt von "Mütterchen Russland".

Irgendwie imponiert natürlich dieses „Männerspielzeug“, andererseits habe zumindest ich eine Mordswut im Bauch, dass hier möglicherweise Milliarden für die Repräsentation der Macht der ehemaligen Sowjetunion ausgegeben wurde, während die Infrastruktur der Stadt erbärmlich ist; d.h. überwiegend bestehen die Wohnungen aus einem Raum, in welchem sich die ganze Familie einschließlich Oma und Enkel aufhält, einer Sammelküche für mehrere solcher Wohnungen, Sammel-WC und Sammelwaschraum. Natürlich gibt es auch kleine Wohnungen in unserem Sinne, die aber genauso überfüllt sind.

"Mütterchen Russland" in Kiew.

Anschließend werden wir zum „Bogen der Freundschaft und der Verbundenheit der Ukraine mit der Sowjetunion“ geführt. Dieses Denkmal ist zwar nicht so imposant wie das erste, trotzdem ein reiner Repräsentationsbau der Sowjetdiktatur.

Den Abschluss bildete ein Spaziergang durch die historische Altstadt in welcher Versuche zu erkennen sind, diese zu erhalten und zu restaurieren. Dort wie auch beim Bogen der Freundschaft hat die freie Marktwirtschaft bereits Fuß gefasst: fliegende Händler mit allen möglichen Kunstgegenständen verfolgen uns ähnlich wie in einem Basar in Marokko oder Ägypten; dies ist hier mindestens genauso lästig wie in Arabien.
Inmitten dieser historischen Altstadt liegt ein tolles Gartenrestaurant, in dem wir Schaschlik mit viel Gemüse und Salat essen; wirklich toll zubereitet, es schmeckt hervorragend und kostet für 13 Personen DM 125,00. Unser Begleiter aus der Mission meinte, als wir ihm dann noch eine Tafel Schokolade anbieten wollten, dies sei zuviel für ihn, denn er habe von uns mit dem Essen soviel erhalten, wie er im Prinzip im Monat verdient.

Mehr haben wir von Kiew nicht gesehen, lediglich was wir noch bei der Durchfahrt erspähen konnten: Eine sehr großzügig angelegte Stadt mit viel Grün, Parks und Brunnen. Leider haben wir dies – wie bereits gesagt – nur aus dem fahrenden Fahrzeug gesehen.
Der ganz grobe und überschlägige Eindruck der Stadt ist, dass diese im Zentrum völlig neu aufgebaut wurde, entweder als Folge des Krieges oder aber aus Repräsentationsgründen. Kiew ist eine Stadt mit rund 3 Millionen Einwohnern, daher ist sie eine typisch sozialistisch aufgebaute Stadt mit unheimlich vielen, großen Wohnblocks im „Einheitslook“ mit breiten Stadtautobahnen. Auffallend bei Neubauten ist, dass man tatsächlich bemüht ist, einen etwas persönlicheren Baustil zu finden.

Um 18.30 Uhr fahren wir dann von der Mission endgültig ab zur Tankstelle, die nicht für jedermann geöffnet ist; sie ist verschlossen und wird vom Tankwart, der uns schon in der Mission besucht und uns dort Diesel angeboten hatte, extra aufgeschlossen. Der Liter Diesel kostet 33,33 Pfennig – in Devisen natürlich! Nebenbei hat dann noch unser Trucker an seinem Mercedes einen Plattfuß repariert.
Endgültig um 20.00 Uhr fahren wir dann ab in Richtung Heimat.
Der Gruppe aus Rötha übergeben wir noch DM 500,00 als Unkostenbeitrag für Sprit, Verpflegung u. dgl..


2.200 km bis Pfalzgrafenweiler liegen nun vor uns. Das Fahren auf der „Autobahn“ in der Ukraine ist relativ einfach: Jeder fährt so wie er kann und mit dem was er hat. Auch bei Nacht, möglichst unbeleuchtet und auf der Gegenfahrbahn. Von den Fahrern ist daher, nicht nur wegen dem überaus schlechten Zustand der Straße, äußerste Konzentration und Aufmerksamkeit gefordert, zumal wir ja versuchen, möglichst hohes Tempo zu fahren.
Die ersten vier Gaiposten halten uns grundsätzlich an und erklären uns höflich, dass wir langsamer fahren sollten. Dies zeigt uns, dass wir kräftig überwacht werden, was einerseits sicherlich unserer persönlichen Sicherheit dient und auch die offizielle Begründung für diese Gaiposten ist; andererseits zeigt dies aber auch, dass das alte System der Überwachung nicht überwunden ist.
Aufgrund der nicht übermäßig günstigen und guten Beschilderung verfahren wir uns dann letztendlich in der Stadt Liviv (Lemberg) und irren dort rund eine Stunde herum. Dies darf man aber nicht mit dem Herumirren in einer Stadt bei uns vergleichen, denn die Geschwindigkeiten, die in den Nebenstraßen gefahren werden, sind im Prinzip Schritttempo, so schlecht sind die Straßen.                                                        Um 8.30 Uhr sind wir an der Grenze und können schon um 10.20 Uhr in Polen weiterfahren. Nur zwei Stunden Aufenthalt an der ukrainisch/polnischen Grenze sind für uns schon Sensation! Dass der ukrainische Posten uns noch provoziert indem er zwar das Führungsfahrzeug durchlässt, die beiden Lkws aber nicht, nehmen wir mit ukrainischer Ruhe zur Kenntnis
Da unser Getränkevorrat zwischenzeitlich aufgebraucht war, alle wegen des trockenen Klimas Durst hatten und es in der Ukraine unmöglich ist, etwas zu kaufen, halten wir am ersten Kiosk an der polnischen Autobahn an um Bier und sonstige Vorräte aufzukaufen. Da uns die Typen, welche dort am Kiosk herumlungern, nicht sonderlich geheuer sind, fahren wir möglichst rasch weiter und sind gegen 12.30 Uhr bzw. 11.30 Uhr, da ja die ukrainische Zeit hier nicht mehr gilt, kurz vor Krakau.
In einem Kiosk bestellen wir eine Suppe sowie eine Röst-Krakauer. Obwohl das Geschäft nicht übermäßig flott läuft – wobei zu bedenken ist, dass alle paar Kilometer ein solcher Kiosk steht – vergisst unser Wirt die bestellte Wurst und es dauert einige Zeit, bis wir dies merken und nach erfolgter Reklamation beliefert werden. Das Bier, welches er uns anbietet, mag ja für örtliche Verhältnisse gut sein; wenn unser Durst etwas kleiner gewesen wäre, hätte sicherlich keiner davon getrunken. Die Brauerei würde auf alle Fälle bei uns keinen Tag überleben können.
Gegen 16.00 Uhr passieren wir Krakau und machen gegen 10.00 Uhr Rast zum Abendessen. Es gibt frisches Brot, jede Menge Rest-Wurst (mindestens 10 Salami waren noch da). Manfred kochte auf dem Lkw Bohnen- und Gulaschsuppe. Mmmh, köstlich!


Um 21.00 Uhr geht es dann weiter in Richtung Grenze. Ein Tankstopp wird noch eingelegt.
Auch das Problem, dass wir uns nicht so gut auskennen und dadurch über eine Brücke fahren, welche für Lasten über 2,8 t gesperrt ist, ist keines – es gibt keinen Strafzettel, sondern es muss lediglich in der hier wohl üblichen „Ausländer-Währung“ (Zigaretten und Bier) bezahlt werden


Beim Halt in Polen schlagen Dieter und Manfred vor, nicht mehr bis nach Rötha zu fahren um dort zu übernachten, sondern uns in Dresden von der Gruppe zu trennen, um direkt nach Pfalzgrafenweiler zu fahren. Dies ist rein theoretisch eine Einsparung von über 100 km und bedeutet andererseits, wenn die Grenzformalitäten gut überwunden werden können, dass wir dann irgendwann im Laufe des heutigen Tages nach hause kommen.
Ich habe etwas Bedenken, ob die beiden die große Anstrengung und Energieleistung noch erbringen können, nachdem wir ja nun doch schon viele Stunden unterwegs sind, nie richtig geschlafen haben und auch sonst hart arbeiten mussten. Nachdem aber beide eindeutig erklären, sie würden es schaffen, bin ich selbstverständlich mit diesem Vorschlag einverstanden. Alles hängt natürlich auch von der Grenze ab.
Wider Erwarten kommen wir an der Grenze rasch vorwärts, reparieren kurz noch einen kleinen Schaden am Pfefferle-Lkw und sind schon um 2.30 Uhr in Deutschland.
Ab 5.00 Uhr ist dann Frühstückspause im ehemaligen Mitropa-Restaurant Wilsdruff bei Dresden. Ein richtig schönes Frühstück erwartet uns dort und – vor allem – zum ersten Mal wieder gewohnte sanitäre Einrichtungen, die wir dann auch mit Genuss benutzen.
Um 6.20 Uhr ist Abschied. Wir trennen uns von der Gruppe Rötha und fahren Richtung Pfalzgrafenweiler.
9.30 Uhr ist Frühstückspause bei Bayreuth und um 13.30 Uhr sind wir in Pfalzgrafenweiler. Ich nehme an, dass unsere Freunde aus Rötha zu diesem Zeitpunkt schon ausgeschlafen haben.
Wir haben nun in einer Woche rund 4600 km im Lkw verbracht und dabei 1100 l Diesel verfahren. Viele Eindrücke sind auf uns zugekommen, welche jeder für sich im Laufe der nächsten Tage und Wochen noch zu verarbeiten haben wird.
Zunächst aber galt für mich: schlafen, schlafen…. Während Dieter noch den Lkw wieder in einen normalen Zustand bringen musste. Hilfe lehnte er ab. Manfred wollte noch die restlichen Pakete zu Frau Dr. Baumert bringen, die wir ja wider Erwarten nicht für den Zoll benötigten und in Polen nicht mehr verteilen wollten. In Estland wird ja Hilfe genauso wie in der Ukraine benötigt, so dass der Zweck der Spenden auch erfüllt wird und die Lebensmittel bis zur nächsten Tschernobylfahrt nicht verderben.


Am Schluss der Reise stelle ich mir natürlich die Frage, ob solche Hilfslieferungen sinnvoll und notwendig sind. Ich habe bereits verschiedentlich in meinem Bericht anklingen lassen, dass ich hierzu sehr widersprüchliche Gefühle habe.
Wenn ich aber auf diese Fahrt zurückblicke, kann ich mit Dankbarkeit feststellen, dass wir den Menschen in der Ukraine ein ganz klein wenig helfen konnten. Wir haben ihnen sicherlich eine große Freude bereitet. Unsere Fahrt kann zwar an der Situation in der Ukraine nichts ändern, da es noch viele Jahrzehnte dauern wird, bis aus dem landwirtschaftlich zwar gesegneten Land, aber industriell – zumindest was wir sehen konnten – unterentwickelten Land eine gewisse wirtschaftliche Stabilität hervorgehen wird. Zumal die Mensche noch nie eigenständig denken durften, die vorhandene Intelligenz von Stalin & Co. ausgerottet oder, wie die deutsche Minderheit, in der ganzen Sowjetunion umgesiedelt wurde.
Alles in allem bin ich dankbar dafür, dass ich an dieser strapaziösen Fahrt teilnehmen durfte und bedaure, dass ich aufgrund meiner kaputten Hand nicht aktiver dabei sein konnte. Vielleicht ist es aber auch gut so, dann so konnte ich am Rande Beobachtungen machen, die die übrigen Gruppenmitglieder möglicherweise nicht hatten.
Aber über etwas anderes bin ich auch sehr glücklich und zufrieden: nämlich über die Tatsache, dass wir eine gemischte Gruppe aus West- und Ostdeutschen waren, die in diesen Tagen wie Pech und Schwefel zusammengehalten hat. Dabei haben die Ostdeutschen gezeigt, dass sie echte Kerle sind (im Schwäbischen ist „Kerle“ geschlechtsneutral, liebe Antje) und dass sie zupacken können, wenn es darauf ankommt. Ein bisschen zuviel Diskussion war für mich schon gegeben aber ich glaube, dass dies aus der Historie heraus zu verstehen ist.
So gilt mein besondere Hochachtung auch Kay und Frank, die den W 50 von Rötha bis Kiew gebracht haben, was sicherlich neben den Reifenwechseln und den Entlüftungsproblemen echte Arbeit und sicherlich noch anstrengender war als die Fahrt der übrigen Piloten. Wobei ich deren Leistung in keinster Weise herabsetzen möchte, denn 40 Stunden mit kleinen Unterbrechungen am Steuer ist für alle eine Meisterleistung.
Oder unser Trucker, der doch hin und wieder etwas von der Rolle war. Wenn es aber darauf ankam zuzupacken, wenn es darauf ankam, Leistung zu bringen, war er voll da.
Antje erbrachte eine bürokratische Meisterleistung, indem sie so viele Papiere und Dokumente im Vorfeld sammelte, dass wir ohne ernsthafte Probleme über die Grenzen kamen.
Sicherlich dürfen alle stolz auf die erbrachte körperliche und seelische Leistung in dieser Woche sein, alle ohne Ausnahme; denn jeder hat seinen Platz gefunden und diesen ausgefüllt.


Vorstehender Bericht über unsere Reise ist sehr subjektiv und kann sicherlich nicht von allen Reiseteilnehmern in dieser Form nachvollzogen werden; einerseits weil sie aufgrund ihres Berufes oder Erziehung die Dinge anders betrachten, andererseits weil durch die Unterkunft bei Missionsangehörigen andere Ergebnisse und Eindrücke von der Fahrt geblieben sind. Ferner, weil jeder Mensch andere Empfindungen und Gefühle hat.
Wenn ich auch kritische Äußerungen in diesem Bericht mache, dann nicht um jemand vor den Kopf zu stoßen oder zu beleidigen, sondern um Nachdenklichkeit zu erzeugen.

Pfalzgrafenweiler, 17.05.1993, 21.07.1993 und 07.05.2013

Dietrich Galsterer



   
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